Junge oder Mädchen?

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Wie werden wir Junge oder Mädchen?

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie sind wieder ein Kind im Alter von drei bis vier Jahren. Die Welt um Sie herum erscheint Ihnen bunt, sehr verwirrend und Erwachsene sind im Gegensatz zu Ihnen, Riesen. Sie unterscheiden natürlich Ihre Eltern von den übrigen Verwandten und von ganz fremden Menschen. Auch die eine oder andere Kindergartentante haben Sie schon kennen gelernt. Man spricht Sie mit einem Namen an. Sie spüren Ihr eigenes Ich und von den anderen Menschen erfahren Sie auch viel über sich selbst, Schönes und manchmal weniger Schönes: „Was bist du nur für ein hübsches kleines Mädchen!“ Oder: „Martin, du ungezogener Junge, stell die Schüssel hin und lauf nicht ständig weg!“ Jetzt analysieren Sie das über sich gehörte. Dass Sie im Gegensatz zu den Großen klein sind, haben Sie selbst auch schon bemerkt. Aber hübsch sein, das hört sich nett an. Ungezogen weniger. Doch was ist eigentlich mit Mädchen und Junge gemeint? , fragen Sie sich überrascht. Unbewusst beginnen Sie Vergleiche zu ziehen. Sie sehen Ihre Mutter an und denken, ja, so bin ich auch. Oder, Sie begleiten Ihren Vater und merken, der ist wie Sie. Ihr Fazit: Ihre Mutter ist eine Frau und Sie noch ein Kind, deshalb müssen Sie ein Mädchen sein. Anders herum: Ihr Vater ist ein Mann und Sie sind in der logischen Folge ein Junge. Dabei stellen Sie fest: Die Welt um Sie herum wird viel klarer und Sie blicken immer mehr durch. Was aber passiert mit Ihnen, wenn Sie sich mit Ihrem Vater identifizieren und somit eigentlich ein Junge sind, die Erwachsenen, allen voran Ihre Eltern, Sie aber wie ein Mädchen behandeln? Umgekehrt sehen Sie sich wie Ihre Mutter, sind deshalb ein Mädchen und werden von den Großen, die meinen, es besser wissen zu müssen, ständig für einen Jungen gehalten. Mit all den Konsequenzen, die das für ein so kleines Wesen wie Sie es noch sind, hat. Angefangen mit dem Vornamen, dann folgen Kleidung, Spielsachen und die Entscheidung, in welche Dusche oder Umkleidekabine Sie im Schwimmbad gehen dürfen. Die Toilette nimmt ebenfalls einen bedeutsamen Platz in Ihrem Leben ein, sobald Sie sich von Ihren Windeln verabschiedet haben. Wenn Sie also ein solches Kind sind, herzlichen Glückwünsch. Ihnen wurde soeben die Arschkarte zuteil. Die Welt um Sie herum wird mitnichten klarer, je älter Sie werden. Nein, sie wird noch verwirrender. Sie stehen von morgens bis abends neben sich. Die Erwachsenen, denen Sie verzweifelt versuchen, klarzumachen, dass diese mit ihrer Geschlechtszuweisung bei Ihnen völlig auf dem Holzweg sind, ignorieren Ihre vernünftigen Einwände. Für andere Menschen zählt nur das biologische Geschlecht und das ist bei Ihnen nun mal weiblich oder männlich und steht ganz im Gegensatz zu Ihrer eigenen Wahrnehmung. Es hilft Ihnen nichts. Sie müssen zunächst die Kleidung tragen, die Ihre Eltern Ihnen geben und wenn Sie als gefühlter Junge Glück haben, dürfen Sie auch mal eine Hose anziehen. Vielleicht bekommen Sie sogar das gewünschte Auto oder die heißersehnte elektrische Eisenbahn. Aber als gefühltes Mädchen werden Sie Ihre Eltern mit der Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent vergeblich darum bitten, Ihnen doch ebenfalls ein so hübsches Kleidchen, wie es Ihre Schwester trägt, anzuziehen. Haben Sie tatsächlich eine Schwester, besteht für Sie wenigstens die Möglichkeit, deren Puppe mal in den Arm nehmen zu dürfen. Allerdings nur als Vater, der jeden Tag zur Arbeit muss und lediglich abends Frau und Kind sieht. Das versteht sich im Spiel Vater, Mutter, Kind, in Ihrem Fall von selbst. Je älter Sie also werden, umso unglücklicher werden Sie auch. Sie sind ein Junge, der in einem Mädchenkörper gefangen gehalten wird oder Sie sind ein Mädchen, das sich mit einem Jungenkörper herumschleppen muss. Nichts passt. Psyche, eigenes Gefühl und Erleben und das äußere biologische Geschlecht klaffen kilometerweit auseinander. Sie fangen vielleicht an, zu glauben, das wächst sich alles noch hin. Sie erzählen Ihren Eltern immer wieder, dass Sie anders sind, als die anderen Kinder. Wenn Sie jetzt Glück haben, hören die Ihnen irgendwann zu. Und wenn Sie noch größeres Glück haben, werden Sie einem Arzt vorgestellt. Doch auch hier ist nicht gleich Arzt, was einen weißen Kittel trägt. Man muss schon an den Richtigen geraten, der das Dilemma, in dem Sie stecken, erkennt. Dann brauchen Sie allerdings nur noch ständig zu wiederholen, dass Sie kein Mädchen/ Junge sind, sondern Junge/Mädchen und sich durch nichts von den Großen darin beirren zu lassen. Damit haben Sie es erst einmal geschafft, zumindest für den Anfang. Man wird Sie als geschlechtlich gestört, transsexuell, transidentisch oder als alles Mögliche andere bezeichnen. Das soll Sie aber nicht weiter stören. Wichtig ist allein, dass man Ihnen erlaubt, als das aufzutreten, was Sie glauben, dass Sie sind. Ihre Körperlichkeit rutscht damit endlich in den Hintergrund. Inzwischen gibt es dank moderner Medizin Medikamente, die Ihre Pubertät unterdrücken, solange, bis Sie sich darüber im Klaren sind, als was Sie leben wollen. Das Recht, vollständig rechtlich und körperlich angeglichen, in Ihrem wahren gefühlten Geschlecht leben zu dürfen, billigt man Ihnen nämlich erst ab der Volljährigkeit zu. Aber immerhin. Hormone und geschlechtsangleichende Operation machen irgendwann nach Ihrem achtzehnten Geburtstag den Menschen aus Ihnen, der Sie auch tatsächlich sind. Im Folgenden erzähle ich Ihnen dazu meine Geschichte. Vorab, ich gehöre letzten Endes zu den glücklichen Kids, denn als ich meine erste Regel mit zwölf Jahren bekam, wollte ich zunächst sterben. Das heftige Gespräch mit meiner Mutter an dem besagten Tag führte bei dieser zum Umdenken. Ich durfte danach mit zwölf Jahren bereits als Junge leben. Zwar auch spät, aber es war besser als nichts. An dieser Stelle beginne ich mit meiner Biographie. Neben den teilweise ernsten Gesprächen mit meinen Eltern und den behandelnden Ärzten über die transsexuelle Problematik, die gerade bei Kindern und Jugendlichen kontrovers diskutiert wird, kommt natürlich der Spaß nicht zu kurz. Meine Kinderjahre auf Schloss Wildenstein im urtümlichsten Bayern, wurden nämlich erst so richtig schön, als ich meiner Umwelt endlich als Junge gegenüber treten durfte. Sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die meine Streiche ausbaden mussten und von meinen späteren sexuellen Ausschweifungen als Heranwachsender natürlich nie etwas von mir erfuhren.

Kinderzeit- glückliche Zeit?

Ich hatte furchtbare Bauchschmerzen. Nach vorn gebeugt und stöhnend schleppte ich mich zur Toilette, die Hände drückten auf den verkrampften Unterleib. Irgendwie schaffte ich es, mir den Hosen auszuziehen und mich auf die Klobrille zu setzen. „Oh!“ Der Atem kam nur noch stoßweise. Solche Schmerzen waren mir in meinem bisherigen kurzen zwölfjährigen Leben noch nie untergekommen. „Maximiliane, bist du da drinnen?“ Mia klopfte gegen die Tür. Die Antwort konnte ich gerade noch keuchen. „Ja, das tut so weh. Komm bitte herein, die Tür ist auf.“ Unser Hausmädchen stand im nächsten Augenblick neben mir. „Da läuft Blut zwischen meinen Beinen heraus. Mia, du musst den Arzt holen, ich sterbe“, jammerte ich kläglich. Sie strich mir zärtlich übers Haar. „Nein, mein Schatz. Du stirbst nicht. Das ist normal und passiert ab jetzt jeden Monat einmal. Du bist nun eine Frau, kleine Gräfin Maximiliane.“ Sie gab mir Papier zum Abwischen und hielt, als wenn sie es geahnt hätte, schon eine dicke Hygienebinde in der Hand. „Leg dir das in den Slip und dann gehst du ins Bett. Ich bringe dir eine Warmflasche. Wenn deine Mutter von ihrer Besorgung in der Stadt zurück ist, gebe ich ihr Bescheid. Sie muss entscheiden, ob du eine Tablette gegen Regelbeschwerden einnehmen darfst.“ Seufzend schlich ich mich nach dem Toilettengang in mein Kinderzimmer zurück. Natürlich starb ich nicht. Und doch, in gewisser Weise schon. Heute war nun geschehen, was eines Tages geschehen musste. Ich hatte vor einiger Zeit Sexualkunde in der Schule gehabt und auch meine Mutter nahm mich danach zur Seite, um mich aufzuklären. Da gab es kein herum reden über Bienchen oder Blümchen. Irgendwann, so ab dem zwölften Lebensjahr herum, setzte bei einem Mädchen die Pubertät ein und das bedeutete, dass sie eine Brust bekam und ihre monatlichen Blutungen. Was für die meisten Mädchen in meiner Klasse völlig normal war, kam bei mir allerdings einer Katastrophe gleich. Solange ich denken konnte, und meine Erinnerung reichte ungefähr bis ins dritte Lebensjahr zurück, wollte ich immer ein Junge sein. Ich tobte auch wie einer durch unser Schloss, spielte nur mit Autos, Eisenbahnen und am meisten Fußball mit den Söhnen des Hausmeisters. Meine Puppen führten ein bedeutungsloses Leben und lagen in einer fest verschlossenen Kiste in einer Abseite meines Zimmers. Mein Lieblingsspielzeug war der Gameboy, den ich von meinem älteren Vetter abgestaubt hatte, dicht gefolgt von der riesigen elektrischen Eisenbahn meines Vaters, die einen großen Teil des Dachbodens einnahm. Mein bester Freund Jacob war der Sohn unseres Försters. Wir wuchsen gleichaltrig zusammen auf und ich verstand in den ersten Lebensjahren nie, warum Jacob Hosen trug und ich Kleider anziehen musste. Ich war schließlich wie er. Im Dorf gehörte ich seit meinem sechsten Lebensjahr dem Fußballverein an und hatte Glück, dass es mangels Interesse keine Mädchenmannschaft gab. Ich kickte inzwischen mit großem Erfolg bei den Buben in der D-Jugend. Allerdings nur bis Siebzehn, bis zur A-Jugend und bereits in der C-Jugend müssten meine Eltern ihre schriftliche Einwilligung geben, wie mir unser Trainer schweren Herzens mitteilte. Danach durften Mädchen nämlich nur noch in Damenmannschaften spielen, so war es Gesetz beim DFB. Scheißgesetz! Warum machten die Leute so etwas Bescheuertes? Ich war doch ein Junge, auch wenn mein Körper, dass musste ich leider zugeben, dagegen sprach. Warum hatte ich es nur so schwer im Leben? , fragte ich mich deshalb mehr als einmal. Ich war schließlich privilegiert geboren worden! Jedenfalls hörte ich das immer von meiner Mutter, wenn sie von mir mehr Haltung und Würde erwartete. Mein Benehmen ließ in der Tat manchmal sehr zu wünschen übrig und gehörte mitnichten zu einer jungen Prinzessin und in meinem Fall, zur einzigen Tochter des Markgrafen Maximilian Ernst von Wildenstein. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als ein normaler Junge sein zu dürfen und mir wäre es auch recht gewesen, wenn mein Vater als Bürgerlicher im Knast sitzen würde. Den adeligen Stammbaum hätte ich sofort mit Freuden gegen ein einfaches Jungenleben eingetauscht. Mia half mir ins Bett und verschwand gleich darauf. Ich konnte Gerhards Stimme hören. Das Auto mit meiner Mutter hatte vor der Haupttreppe angehalten.

Gerhard war unser Chauffeur. Er rief Dietrich, den Hausmeister, herbei und zeigte sicherlich, wie immer, auf die vielen Taschen und Pakete im Kofferraum. Der alte Dietrich seufzte danach gewöhnlich laut auf. Wahrscheinlich war er noch gar nicht so alt, aber für mich gab es nur ganz junge Menschen, in meinem Alter, und Leute über Zwanzig. Die waren in meinen Augen schon senil und die meisten davon scheintot. Weitere Stimmen, darunter auch Mias, drangen zu mir ins Kinderzimmer hinauf. Einen Moment später trat meine Mutter an mein Bett. Sie lächelte, nahm meine Hand und gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Meine kleine Prinzessin. Du bist heute zur Frau geworden. Ich gratuliere dir, meine Süße. Das ist ein bedeutender Tag im Leben eines jungen Mädchens. Bauchschmerzen hatte ich übrigens auch immer, als ich in deinem Alter war. Auch damals gab es bereits gute Tabletten gegen Regelbeschwerden. Mia bringt dir gleich etwas und dann rufe ich selbst Doktor Zubrücken an und vereinbare einen Termin für uns, wenn du mit deiner Blutung durch bist. Er soll dich frauenärztlich untersuchen und kennt vielleicht noch andere Möglichkeiten, eventuell auch eine niedrigdosierte Pille, gegen die Schmerzen. Wir werden ihn auf jeden Fall konsultieren.“ Ich sparte mir die Antwort. Meine Mutter war eigentlich ganz okay. Sie wollte modern und aufgeschlossen sein und überließ nichts dem Zufall. Und sie hörte gerne auf ärztlichen Rat. Sie blickte sich um und Ihr Lächeln verschwand augenblicklich. Missbilligend legte sich ihre Stirn in Falten. Ich ahnte den Grund. In meinem Zimmer war wohl seit ewigen Zeiten nicht mehr aufgeräumt worden. Jedenfalls konnte ich mich gar nicht daran erinnern, überhaupt jemals hier richtig aufgeräumt zu haben. Solange ich fand, was ich suchte, erschien es mir nicht nötig, etwas am Zustand meines privaten Reiches zu ändern. „Mia wird dir bei nächster Gelegenheit helfen und dann wird dieser Stall mal entrümpelt. Kind, wie kannst du in solch einem Schmutz überhaupt leben? Wie willst du jemals einen anständigen Mann finden und deinen eigenen Haushalt führen, wenn du nicht einmal in der Lage bist, ein einzelnes Zimmer in Ordnung zu halten. Weißt du, wie viel Arbeit die vielen Räume unseres Schlosses machen?“ Ich stöhnte auf. Eine neue Welle Bauchschmerzen schien auf mich zu zu rollen, die allerdings nicht durch die Regel verursacht wurde. Nein, bitte nicht. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Nur nicht wieder die alte Leier. Ständig hielt mir meine Mutter meine Unordnung unter die Nase. Ich konnte doch nichts dafür. Ich war halt zum Messi geboren. „Bei Vater sagst du nie etwas. Er ist genauso ein Chaot wie ich, aber er findet alles wieder, was er braucht und sucht. Und das tue ich auch. Mum, ich bin keine Prinzessin, sieh es endlich ein. Wenn überhaupt, bin ich ein Prinz und mit dem Namen Max ist auch alles okay. Ich bin ein Junge und ich möchte als Junge leben. Und ich bin unordentlich und ich möchte unordentlich bleiben. Und… ich fühle mich damit genauso wohl, wie Dad.“ Meine Mutter schüttelte wie erwartet entnervt den Kopf.

Die englischen Bezeichnungen fand ich einfach nur cool und weil wir auch Verwandte in Britannien hatten, bemühte ich mich immer, gebildet zu erscheinen und etwas Englisch in unsere Gespräche einfließen zu lassen. „Ach, Maxi, was mach ich nur mit dir?“ Ich setzte meine beste Unschuldsmiene auf. „Ich weiß auch nicht, Mami, aber vorhin, als ich das schreckliche Blut aus meinem Körper kommen sah, da wäre ich am liebsten gestorben. Mir fehlt das Teil, das zu einem Jungen gehört, mein Körper und mein Gefühl passen nicht zusammen. Da muss bei meiner Geburt irgendetwas fürchterlich falsch gelaufen sein.“ Mutter sah mich traurig an und ging. Am frühen Abend konnte ich mich dank ihrer Medikation wieder etwas bewegen. Also trieb ich mich wie gewöhnlich im Stall herum und besuchte mein Pony Chester. Ich sprach leise mit ihm. Chester und ich waren die dicksten Freunde. Er kannte meine ganze Lebens-und Leidensgeschichte und er besaß, was ich nicht hatte: Einen Penis. Sicher, er wusste nichts davon, dass er mal als Hengst zur Welt gekommen war und irgendjemand dem armen Kerl im Babyalter die Männlichkeit geraubt und ihn zum Wallach gemacht hatte. Wir beide aber waren auf diese Weise verhinderte und irgendwie auch behinderte Jungen geworden. Und das gemeinsame Schicksal schweißte uns aneinander. Ein Geräusch, ich zuckte zusammen. Papa stand plötzlich hinter mir in der Box. Schreck lass nach, ich atmete tief durch. Aber, es war alles paletti. Ruhe, Max, dachte ich. Es ist seine Zeit. Er pflegte abends immer seinen Rundgang im Pferdestall zu machen, wenn er nicht, dreimal die Woche, selber ritt. Doch etwas war heute Abend anders mit ihm, das konnte ich deutlich spüren. Er legte nachdenklich den Arm um mich, was er sonst nie tat. Seine Hand drückte dabei fest auf meinen Nacken. Verwundert blickte ich zu ihm hoch. Mein Vater gab äußerlich tatsächlich das Bild eines Grafen ab, so wie ihn es sich viele Menschen vorstellten. Hochgewachsen, schlank, muskulös, ein sonnengebräuntes Gesicht durch die viele Arbeit auf den Feldern und in unserem Wald, stand er neben mir in der Haltung eines stolzen Edelmannes, aus der Zeit als Bayern noch Königreich war. Meine Mutter erzählte, sie hätte sich auf Anhieb in ihn verliebt, obwohl ihre und auch seine Eltern, die Ehe arrangiert gehabt hätten. Adel kam in diesem Fall zu verarmtem Adel. Mutter war eine Baronesse von Scheele. Ihr elterliches Gut blieb in Ostpreußen zurück und nach dem Krieg stand die Familie buchstäblich vor dem Nichts. Da kam die Ehe mit meinem Vater gerade richtig. Entgegen seiner Gewohnheiten schmuste der heute nicht mit mir. Es stand plötzlich etwas Unbekanntes zwischen uns. Respekt, Achtung und… eine besondere Form von Liebe. Das gefiel mir. Ungewohnt, aber schön. Die Art seines Umgangs beschrieb Klarheit, Geradlinigkeit, wie auf einer Offiziersschule. Ich musste unwillkürlich lächeln. Vater war Hauptmann der Reserve bei der Bundeswehr. Behandelte er mich nicht gerade wie einen Kadetten? Ich versuchte, genauso männlich und gehorsam wie ein junger Rekrut zu wirken. „Chester ist in guter Form. Wenn wir weiter hart trainieren, werden wir uns auf dem Turnier passabel schlagen. Eine Schleife und Platzierung sollten diesmal drinnen sein“, bemerkte ich siegesgewiss und klopfte meinem Pferd zärtlich den Hintern.

„Komm nach dem Abendessen mit deinem Wochenplan zu mir ins Arbeitszimmer. Wir werden einiges umstellen, du brauchst mehr Zeit mit ihm. Wieweit ist das Taekwondo- Training? Du musst sicher in den Griffen und Tritten sein, damit du dich im Kampf mit anderen Jungen schützen kannst. Etwas Drill und militärischer Gehorsam kann zudem nie schaden. Ich werde dir Unterricht geben, wie ich ihn selbst im Internat erlebt habe. Du wirst als Junge den Titel eines Grafen von Wildenstein tragen. Das ist eine große Verantwortung, denn du erbst natürlich auch die Firma. Du bist dann Arbeitgeber für hundertzwölf Menschen und ihre Familien. Adel verpflichtet, Max. Das ist nicht nur eine hohle Floskel.“ Vater sah mich ernst an. Uff, waren das Töne! So kannte ich meinen alten Herrn gar nicht. Der behandelte mich ja tatsächlich wie einen Jungen. So sprach ein Vater mit seinem Nachfolger. Waas? Ich war weiblich, zumindest körperlich, da biss nun mal keine Maus einen Faden ab und unser Hausgesetz erforderte strikt die männliche Erbfolge. Vater war nach unserem Gespräch längst weiter in den Stutenstall gegangen, da stand ich immer noch wie vom Blitz erstarrt, sperrte verwundert Mund und Augen auf. Ich kämpfte jetzt seit meinem dritten Lebensjahr darum, ein Junge sein zu dürfen, und auch er hatte das stets ignoriert. Keiner hatte mich bisher ernst genommen. Was war bloß in ihn gefahren? Das unausgegorene Gespräch mit meiner Mutter vom Mittag fiel mir ein. Sollte sich Mutter mit ihm unterhalten haben? Hatte sie ihre Meinung vielleicht geändert? Eine Kehrtwende um dreihundertsechzig Grad gemacht? „Max, du sollst ins Haus kommen und dich waschen. Es gibt Abendessen!“ Ich blickte automatisch in die Richtung, aus der die Stimme kam. Robert rief mir die Botschaft über die Stallgasse zu. Er war einer unserer drei Stallburschen. Ich gab Chester noch schnell einen Kuss auf die Nüstern und warf ihm frisches Heu in die Box. Eine Viertelstunde später stand ich um sieben Uhr in sauberen Hosen und mit gewaschenen Händen im Esszimmer. Für meine Eltern und mich war durch mehrere zusammenschiebbare Trennwände ein gemütlicher Raum entstanden, der trotzdem noch sehr groß erschien und die lange Tafel erinnerte an die Zechgelage auf einer Ritterburg aus längst vergangener Zeit. Wildenstein war im sechzehnten Jahrhundert von einem meiner Vorfahren als Raubritterburg gebaut worden. Meine Ahnen waren ziemlich blutrünstig gewesen, kämpften als Ritter für Könige und deutsche Kaiser. Das brachte dem Chef des Hauses im siebzehnten Jahrhundert den Titel eines Markgrafen und Burg Wildenstein als Lehen ein. Nach einem großen Brand 1760, ließen sie das Gut wiederaufbauen. Aber die einstige Ritterburg wich einem schlossähnlichen Gebäude, das jetzt unter Denkmalschutz stand und Unmengen an Geld verschlang, wie ich meinen Vater oft stöhnen hörte. Der Bankier aus unserer Kreisstadt gehörte fast schon zur Familie. Gewohnheitsmäßig ging ich erst zu Mutter an den Tisch. Sie sah unauffällig auf meine Finger und nickte mit dem Kopf. Ich durfte mich setzen. Mutter nickte mir abermals zu. „Herr Jesus, wir danken dir für diese Speisen. Komm, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Und hilf allen Menschen auf der Erde genug Nahrung zu bekommen und satt zu werden. Amen.“ Das Tischgebet war fester Bestandteil unseres gräflichen Lebens. Wir waren, wie in Bayern üblich, katholisch. Und es galt als selbstverständlich, dass ich als Kind das Gebet sprach. Wobei ich auch leider das einzige Kind war und diese Aufgabe nicht mehr weiter nach unten delegieren konnte. Aber ich hatte mich inzwischen damit arrangiert. Mia kam herein, reichte Vater die Suppe, der die schwere Terrine einen Moment später an Mutter weitergab. Ich hielt ihr, wie immer, meinen Teller vor. „Nein, Adelheid, lass ihn sich selbst auffüllen. Er ist kein Kind mehr und er muss lernen, sich wie ein Erwachsener zu benehmen.“ „Du hast recht, Liebling“, hörte ich meine Mutter antworten. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was war denn bloß in die Erwachsenen gefahren? Waren meine Eltern auf einmal plemplem geworden? Ich nahm die schwere Schüssel, die ich gerade noch so eben halten konnte und füllte mir eine Kelle von der köstlich duftenden Spargelsuppe auf. Hatte ich mich verhört oder sprach mein Vater tatsächlich in der männlichen Form von mir? Verwirrt aß ich betont konzentriert meinen Teller leer und bemühte mich, auch beim Hauptgang, keine unpassenden Geräusche zu machen. Es gab Rehrücken. Vater hatte den Bock selbst bei der letzten Jagd geschossen. Das Wildbret schmeckte ausgezeichnet. Auch das Erdbeereis fand als Nachtisch schnell seinen Weg in meinen Magen. Es galt ebenfalls in unserer Familie als selbstverständlich, dass bei Tisch nur das Nötigste gesprochen wurde. Mit mehr als fünf Pfund im Mund, sollte man nicht mehr reden, pflegte meine alte Erzieherin Ludovika immer zu sagen. Ich dachte traurig an das ältliche Fräulein, das mich die ersten Lebensjahre fast noch liebevoller betreut hatte, als meine Mutter. Freiin Ludovika war vor einem halben Jahr gestorben und hatte eine große Lücke in meinem jungen Leben hinterlassen.

„Nun, denn. Gehen wir in mein Arbeitszimmer. Hast du deinen Wochenplan dabei, Max?“ Ich schrak auf. Ja, hatte ich. Mein Stundenplan glich eigentlich dem eines Topmanagers. Freizeit war darauf ein Fremdwort. Irgendwo hatte ich gelesen, dass spielen für die kindliche Entwicklung wichtig sei. Bei mir schien in dieser Hinsicht etliches anders zu laufen. „Ja, Vater. Ich habe ihn hier.“ Ich stand auf und wollte bereits losgehen, als sich meine Mutter zu Wort meldete. „Maximilian, du willst doch gerne ein Junge sein oder habe ich da etwas falsch verstanden? Als Mann gehört es sich, einer Dame den Stuhl zu rücken. Und Knaben können nicht früh genug damit anfangen, gutes Benehmen zu lernen. Ich warte, mein Sohn.“ Boar! Das war eine Ansage. Was war denn jetzt passiert? Ich schluckte schuldbewusst. „Ja, Mutter, entschuldige bitte. Ich war unachtsam.“ Wie es sich gehörte, trat ich hinter sie und zog den Stuhl zur Seite, damit sie bequem aufstehen konnte. Dann besann ich mich. Nur nichts mehr falsch machen, ratterte es in meinem Kopf. Schnell schob ich mich vor meine Mutter und hielt ihr, wie ein junger Gentleman, auch die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters auf. Der schmunzelte. „Geht doch“, meinte er und schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. Ich half meiner Mutter in den Sessel. Vater schmunzelte immer noch. Sodann setzte auch ich mich und wartete gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Mutter sah mich liebevoll an. „Max, wir haben dich sehr lieb und wir wollen nur das Beste für dich. Natürlich haben Papa und ich seit langer Zeit mit Sorge bemerkt, dass du ein Problem mit deinem weiblichen Geschlecht hast. Ich habe nach unserem Gespräch heute Mittag meine Freundin Christine angerufen. Sie ist Psychologin, wie du weißt.“ Ja, wusste ich. Eigentlich ‘ne ganz Nette. Sie kam uns ein paarmal besuchen und wäre dabei einmal fast in den Schlossteich gefallen, als ich ihr zeigen wollte, wie man die Karpfen mit dem Catcher fangen konnte. Aber sie hatte mich nicht verraten und gesagt, dass sie selbst zu nah ans Wasser gegangen war und dadurch nasse Schuhe bekommen hatte. „Nun, Christine erklärte mir, dass es eine solche, wie sie sich ausdrückte, Geschlechtsidentitätsstörung, tatsächlich gibt und die Ärzte dies in der Regel als Transsexualität oder auch Transidentität bezeichnen. Es ist das sichere innere Gefühl, im falschen Geschlecht geboren zu sein.“ Ich starrte meine Mutter an. „Ja, das sag ich doch, Mum!“ Erschrocken schwieg ich im nächsten Augenblick, ich wollte nicht vorlaut wirken. Aber Mutter lächelte. Okay, alles paletti. „Christine bestätigte mir, dass bereits Kinder in sehr jungen Jahren wissen, dass sie dem anderen, als ihrem Geburtsgeschlecht, angehören. Sie gab mir die Telefonnummer einer Kollegin in München, die dort als Kinder- und Jugendpsychologin tätig ist und darüber hinaus eine Nummer aus Hamburg. Dort gibt es eine Praxis, die Kindern und Eltern in solchen Fällen medizinisch hilft. Vater und ich sind übereingekommen, den geraden ärztlichen Weg zu gehen und Hilfe zu suchen, anstatt selbst herumzudoktern. Christine gab mir auch den Rat, zunächst auf dich einzugehen und deinem Wunsch zu entsprechen. Wir sollen dich ernst nehmen. Das bedeutet also für uns und für dich, dass sowohl Vater als auch ich und alle anderen Personen im Schloss, dich künftig mit männlichem Vornamen ansprechen und dich wie einen Jungen behandeln, wenn du das so möchtest. Ich lasse mir so bald als möglich Termine bei den Ärzten geben. Dann sind wir auf der sicheren Seite.“ Mutter blickte Vater zufrieden an. Der lächelte auch zunächst und wurde danach sehr ernst. „Ich denke natürlich genauso wie deine Mutter und bin auch froh, dass dein Problem, sagen wir‘s mal so, jetzt bei den Hörnern gepackt wird. Alles andere wäre erzieherisch falsch und würde mehr schaden als nützen. Allerdings gibt es einiges zu bedenken. Max, es ist ein Unterschied, ob du mein Sohn oder bitte nicht falsch verstehen, nur meine Tochter bist. Wir sind zwar menschlich auch nicht anders als alle anderen Leute, dennoch gibt es in Adelskreisen Besonderheiten. Das Hausgesetz gehört dazu. Ein wichtiger Punkt ist dabei, dass nur der älteste Sohn den Titel und das Schloss erbt. Bist du eine Tochter, darfst du dich zwar auch mit Gräfin ansprechen lassen und ich darf dich als Schlosserbin testamentarisch einsetzen, muss dazu aber die Zustimmung deines Onkels Ludwig einholen. Als mein jüngerer Bruder würde er sonst Schloss und Titel bekommen, wenn ich kinderlos, das bedeutet, ohne Sohn und Erben, sterbe. Onkel Ludwig hat mit deinem Vetter Hubertus einen Sohn, der wiederum in die nächste Erbfolge eintreten kann. Wir haben uns vor langer Zeit über dich und die Nachfolge unterhalten. Damals stand fest, dass deine Mutter keine weiteren Kinder haben und mir so ein Sohn verwehrt bleiben würde. Onkel Ludwig war damit einverstanden, dass du das Schloss erhältst und der Titel verfällt. Es ist in Deutschland so, dass Nobilitierungen nicht mehr vorgenommen werden, denn wir haben ja keine Monarchie mehr und damit sterben Adelshäuser oft aus, wenn keine männlichen Erben geboren werden. In unserem Hausgesetz besteht die Möglichkeit, dass der Titel solange ruht, bis wieder ein männliches Kind zur Welt kommt. Du würdest also nicht selbst offiziell Gräfin Wildenstein werden, den Titel aber an deinen Sohn vererben dürfen, unabhängig vom Namen deines Mannes, solange dieser, und das ist dabei die Bedingung, auch adeliger Abstammung ist.“

Meine Augen waren während Vaters Worte immer größer geworden und ich musste mir eingestehen, dass ich ungefähr nur ein Viertel davon verstanden hatte. Hubertus war mein Vetter. Sechzehn Jahre alt und ein ganz passabler Typ. Er spielte Fußball wie ich und ritt auch ganz ordentlich. Mein Onkel Ludwig arbeitete im Management eines bayerischen Autokonzerns. Ich mochte ihn. Die ganze Familie war relativ unkompliziert, nur Tante Friederike übertrieb zeitweilig. Aber mit Hubertus verstand ich mich gut und das schien mir die Hauptsache zu sein. Was das Ganze mit Erbe und Hausgesetze anging, war mir, ehrlich gesagt, alles ziemlich Latte. Ich versuchte dennoch ein interessiertes Gesicht zu machen. Wenigstens hatten sich meine Eltern endlich dazu durchgerungen, mich als das anzusehen, was ich war, nämlich kein Mädchen, sondern ein Junge. Vater verzog die Lippen, als wenn er mich verstanden hatte. „Ich weiß, dass ist alles sehr schwer für dich zu begreifen. Du wirst in ein paar Jahren besser Bescheid wissen. Nur, wenn du tatsächlich mein Sohn werden solltest, kommt eine Menge Verantwortung auf dich zu. Max, das Leben als Mann stellt andere Anforderungen an dich, als das Leben einer Frau. Mutter und ich wollen dir zunächst einmal, unabhängig von den ärztlichen Gesprächen, die Gelegenheit geben, herauszufinden, ob du wirklich als Junge leben willst und es auch kannst. Mutter wird zeitgleich Termine bei den Ärzten einholen und wir wollen zuerst nach Hamburg fahren. Ich habe gelesen, dass man heute Kindern dadurch hilft, dass die biologische Pubertät durch eine Spritze unterdrückt wird und sich das Kind im gefühlten Geschlecht erst einmal entwickeln kann, ohne das körperliche Veränderungen in die eine oder andere Richtung geschehen. Wenn du volljährig bist, darfst du dich selbst entscheiden, als was du leben willst. Nur diese Entscheidung ist dann nicht mehr rückgängig zu machen, wenn du dich zur Operation entschließt. Aber da werden wir mit den Hamburger Fachärzten sprechen. Ich denke, das ist erst einmal alles für heute. Oder, Adelheid?“ Meine Mutter überlegte kurz. „Ja, Max, dein Geschlechtswechsel hier zu Hause, wird zunächst auch nur hier stattfinden. Du darfst allerdings deine Sporttrainer einweihen. Sie können mich anrufen, wenn sie Fragen haben. Ich werde ihnen alles erklären. Mit der Schule bleibt es vorerst wie es ist, denke ich. Wir müssen zunächst mit den Ärzten sprechen und ich möchte unbedingt, dass dich die Kinderpsychologin sieht und uns berät. Wenn sie meint, dass du als Junge in die Schule gehen sollst, werden wir uns mit dem Direktor unterhalten.“ Vater und Mutter nickten einander zu. „Darf ich ganz schnell zu Chester laufen und ihm die Neuigkeit erzählen?“, rief ich überglücklich aus. „Klar“, hörte ich meinen Vater sagen, der mir auch meinen Wochenstundenplan abnahm, um ihn zu ändern. Ich rannte derweil die Treppe hinunter. „Chester, ich bin endlich ein Junge!“ Tränen liefen mir übers Gesicht, als ich im Stall mein Pony drückte. Chester stupste mich mit seinen weichen Nüstern an, leckte über meine Wange und ließ dann seine Zunge in meine Jackentasche gleiten. Ein letztes Leckerli konnte ich ihm noch heraus pulen. Er schnaufte dankbar. Mit dem Ärmel wischte ich über meine feuchten Augen. Oh Schitt. Ich war doch ein Raubritter und die kannten weder Schmerz noch Tränen. Mit zwölf Jahren lernte man damals als Knappe bereits Fechten und ein Junge hatte nicht zu heulen. Okay, das würde ich mir also schnellstens abgewöhnen müssen, wobei ziemlich viele aus meiner Klasse dicht am Wasser gebaut hatten und schon bei Kleinigkeiten flennten. Moritz zum Beispiel, war gestern mit dem Fahrrad auf die Schnauze gefallen und sein Gebrüll konnte man am anderen Ende des Dorfes hören. Der war schon Dreizehn! Nein, eine Memme würde ich nicht sein. Ich war hart im Nehmen und trug das Blut derer von Wildenstein in mir. Chester bekam noch eine Handvoll Heu. Eine halbe Stunde später lag ich als der künftige Markgraf Maximilian August Ludwig (ich hieß tatsächlich Auguste Ludovika) im Bett und versprach im Abendgebet, meinem Titel alle Ehre zu machen. Am nächsten Tag holte mich die Realität ein. Die Mathearbeit kam zwar mit einer zwei Plus zurück und ich freute mich bereits auf das Gesicht meines Vaters, der sich damit immer etwas schwer getan hatte, als ich zum Sportunterricht, wie üblich, den Umkleideraum der Mädchen betreten musste. Igitt, was für Ziegen und Hennen meckerten und gluckten da um mich herum. „Maximiliane, du siehst umwerfend aus, in deinem wunderschönen Jungenhemd, du wirst sicher mal Schönheitskönigin“, rief Martina mir hämisch zu. Alle Weiber lachten, wie auf Kommando. Nur Daniela saß still auf ihrem Platz. Sie stand mir stets zur Seite. Vielleicht, weil sie selbst sehr pummelig war und mit der Zahnspange nicht gerade zu den hübschesten Mädchen gehörte. Sie wusste, was Mobbing hieß. Ich hatte genug von den Zicken. Groß baute ich mich vor Martina auf. „Vor ein paar hundert Jahren hätte ich nicht gezögert, eine wie dich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Königin werde ich sicher nie, höchstens König und du wirst es vielleicht einmal bereuen, mich heute geärgert zu haben“, erklärte ich erhaben und selbstsicher. Martina kicherte. „Ich werde dich in einen Regenwurm verwandeln, du edler Prinz. Hex, hex.“ Oh, wie ich die Kuh hasste. Frau Miersbach, unsere Sportlehrerin, kam herein und scheuchte uns in die Gymnastikhalle an die Keulen. Am liebsten hätte ich so ein Ding der Hexe Martina als Stolperfalle zwischen die Beine geworfen. Und die Jungs durften nach den Übungen am Barren Fußballspielen. Wie ungerecht ging es doch in der Welt zu! Aber auch der schlimmste Schulvormittag geht einmal vorbei und nach den Hausaufgaben stand von 15:30 Uhr bis 16:30 Uhr das Training mit Chester an. Er sprang wie eine Eins und gab mir mein angeknackstes Selbstvertrauen zurück. Eine halbe Stunde später saß ich auf dem Rad und fuhr ins Dorf. Beim Kampftraining war ich endgültig wieder der Alte und als ich nach dem Abendessen mit Mutter Klavier übte, hatte ich den ersten Tag als Junge relativ gut überstanden.

Mutter überraschte mich mit einem Termin in Hamburg in einer Woche. Ich würde dafür vom Unterricht befreit werden, sagte sie. Am nächsten Morgen sah ich, wie sie im Zimmer des Schuldirektors verschwand. In der großen Pause kam ein Junge aus der Oberstufe zu mir, als ich mit zwei Freunden aus meiner Klasse Autoquartett spielte. Ich sollte zum Direx kommen. Auch das noch. Ich war stinkig, denn ich hatte gerade eine Glückssträhne gehabt. Auf dem Zahnfleisch und weil ich beim besten Willen nicht wusste, was ich nun wieder ausgefressen haben sollte, klopfte ich in der Höhle des Löwen an. Schreck! Mum war immer noch da. Aber sie lächelte und auch der Direx sah freundlich aus. „Max, komm mal her. Deine Mutter hat mir eben von deinem Problem erzählt. Eine Ahnung hatte ich bereits. Aber als Lehrer mischen wir uns selten in familiäre Belange, passen nur bei körperlicher oder seelischer Misshandlung auf. Ich habe deiner Mutter erklärt, dass wir uns jedem ärztlichen Attest fügen werden. Falls die Ärzte dich also als Jungen einstufen, werden wir dich entsprechend hier führen, auch wenn du noch nicht operiert bist. Bayern bedeutet nicht automatisch, von vorgestern zu sein. Wie das in der Praxis aussehen wird, beim Sport hauptsächlich, bespreche ich zu gegebener Zeit mit den Fachlehrern. Also, wenn es an dem ist, erwarte ich von meinem dann männlichen Schüler, Graf Maximilian von Wildenstein, entsprechend gräfliches Verhalten und weiterhin gute Leistungen. Du weißt: Adel verpflichtet. Und der Bonus, den Mädchen nun mal haben, weil sie Mädchen sind, der ist dann bei Ihnen futsch, mein Prinz. Haben wir verstanden?“ Meine Mutter konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Ich spielte freudestrahlend mit. „Ja, Herr Direktor. Ich werde mich bemühen, denselben Blödsinn zu machen, wie alle anderen Jungen. Und auch mit der Strafe leben, wie die anderen.“ „Raus, ab in deine Klasse!“ Ich hörte nur noch, wie die beiden in schreiendes Gelächter ausbrachen. Geil! Endlich war ich am Ziel! Überglücklich ließ ich die kommende Woche vergehen. Doch auf Licht folgt bekanntlich auch Dunkelheit. So einfach, wie ich mir das vorstellte, konnte es natürlich nicht werden. Am Dienstag aber fuhren wir alle drei erst mal mit dem ICE nach Hamburg. Wir mussten zunächst nach München. Mit dem Auto wären das 180 km gewesen. Vater beschloss, den Regionalzug zu nehmen und Gerhard mit dem Auto wieder zum Schloss zu schicken. Der ICE stand auf dem Münchner Hauptbahnhof bereit. War das aufregend! Den Bahnhof hatte man vollständig überdacht, so dass bei Regen niemand nass werden konnte. Und dann liefen ganz viele Menschen an uns vorbei. Mutter behielt den Überblick. Sie lotste uns zum richtigen Zug. Beinahe hätte sie sich mit Vater erzürnt, der erst meinte, wir wären auf dem falschen Bahnsteig. Mum hatte Karten für die erste Wagenklasse bestellt. Als ich endlich auf meinem Platz saß, fragte ich den Schaffner, was das für ein komischer Kasten war, der am Sitz vor mir hing. Er erzählte es mir lachend. Mutter kaufte bei ihm Kopfhörer und ich durfte den Film ‚Findet Nemo‘, darin sehen. Die Reise war echt super. Nach dem Film wurde ich allerdings ziemlich müde und schlummerte vor mich hin, bis Mum mich weckte. Der Hauptbahnhof in Hamburg erschien noch gigantischer als der in München zu sein. Mutter sagte, wir müssten bis Altona durchfahren. Vater nahm mich sicherheitshalber an die Hand, als wir aus dem Zug stiegen. Die Arztpraxis lag nahe am Bahnhof, wir mussten also nicht weit laufen. Die Anmeldung und der erste Kontakt zu Doktor Reimers, der mich von nun an für viele Jahre durchs Leben begleiten sollte, verliefen null Problemo. Mir wurde Blut abgenommen, ich musste in ein Glas pinkeln und dann wurde ich auch noch gemessen und gewogen. Zwischendurch sollte ich Tests machen, Bilder beschreiben, was ich in den Klecksen sah, und so, und am Schluss saßen wir alle zusammen bei Dr. Reimers im Sprechzimmer. Der war wirklich nett.

„Also, Max. Du wirkst auf mich nicht wie ein Mädchen. Aber der Reihe nach. Du bist körperlich und geistig kerngesund. Es gibt keine Auffälligkeiten im Blut und die körperliche Entwicklung im weiblichen Bereich ist völlig altersgemäß. Normalerweise erwarten ja die Patienten vom Arzt nicht nur die Diagnose, sondern auch einen Vorschlag zur Behandlung, also Medikamente oder den Rat zu einer Operation. Bei Transsexualität ist das etwas anders. Doch, ein Wort noch zur möglichen Diagnose. Es gibt heute viele verschiedene Bezeichnungen für dein Problem und ich denke, komplizierte Studien sind etwas für Leute, die solche Studien wollen, aber für den Rest der Welt gestalten wir es einfach.“ Er schaute dabei zu meinen Eltern. „Auch wenn Kollegen das anders sehen, für mich sind Kinder und Jugendliche, die mir erklären, dass sie sich nicht mit ihren angeborenen Geschlechtsorganen und der von außen angetragenen Geschlechterrolle identifizieren können, transsexuell. Das verstehen die Patienten und die Angehörigen. Mit meinen ärztlichen Kollegen kann ich Fachchinesisch reden, dass hilft aber nicht dem Menschen, der bei mir Hilfe sucht. Und als Arzt will ich helfen, sonst wäre ich etwas anderes geworden. So, was machen wir jetzt mit dir, Max? Nun, wir müssen zunächst deine Entwicklung abwarten. Bei Kindern und Jugendlichen können wir nämlich nie sicher sein. Du zeigst zwar untrügliche Anzeichen einer Frau zu Mann transsexuellen Prägung, aber, wie wirst du mit achtzehn Jahren darüber denken? Wir können dir jetzt erst einmal nur damit helfen, dass wir die biologische körperliche Entwicklung nicht noch schlimmer werden lassen. Deine Brust ist noch wenig entwickelt und die Regel hat ja gerade erst eingesetzt. Es gibt die Möglichkeit, deine weibliche Pubertät zu stoppen. Das bedeutet, du bekommst keine Blutung mehr und auch das weitere Brustwachstum wird verhindert. Dazu erhältst du in regelmäßigen Abständen von mir eine Spritze. Dann lassen wir die Jahre vergehen. Du, Max, entweder als gefühlter Maximilian oder als gefühlte Maximiliane, bestimmst dabei den Weg. Willst du als Junge leben, kleidest du dich entsprechend und bittest deine Eltern, dich wie einen Jungen zu behandeln. Willst du wieder ein Mädchen sein, teilst du uns das mit und lebst dein körperlich angeborenes Geschlecht. Du entscheidest, und niemand anderes. Die Schule muss mitspielen, dich entweder als Jungen führen oder wieder als Mädchen. Niemand darf dich deswegen mobben. Für die Optik gibt es künstliche Hilfsmittel, die du dir in die Unterhose legen kannst. Die sind teilweise heute schon so gut, dass man damit im Stehen pinkeln kann. Es gibt also auch beim Schwimmen oder in der Umkleidekabine keine Veranlassung in dir nicht einen Jungen zu sehen, wenn du es so willst. Das Leben ist allerdings kein Ponyhof, denn die gesellschaftlichen Anforderungen an einen Jungen sind andere als an ein Mädchen. Aber ich glaube, das Problem haben deine Eltern besser im Griff als irgendjemand anderes. Du bestimmst also über den weiteren Verlauf deiner Entwicklung. Mit einer kleinen Einschränkung. Die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung mit Testosteron beginne ich grundsätzlich frühestens ab dem siebzehnten Lebensjahr. Du sollst erst einmal geistig erwachsen werden. Diese Reife hat auch wenig oder gar nichts mit der pubertären körperlichen Reife zu tun. Unser Gehirn besteht aus vielen Teilen. Kinder leben aus dem sogenannten limbischen System heraus, in dem die Gefühle liegen. Vorne am Kopf beginnt der Vordere Cortex, da sitzt das Schlussfolgernde Denken. Zwischen dem dreizehnten und dem einundzwanzigsten Lebensjahr verbinden sich beide Teile miteinander. Die Gefühle werden also an die Einsichtsfähigkeit gekoppelt. Ein Erwachsener weiß, dass er niemanden ungestraft verhauen darf, nur weil er sauer auf ihn ist. Mit der biologischen körperlichen Entwicklung hat das überhaupt nichts zu tun. Wenn es anders wäre, dürfte ja keiner, bei dem Hormonstörungen auftreten, mit Achtzehn den Führerschein machen. Du wächst natürlich auch mit der Spritze weiter und bleibst nicht auf dem geistigen Stand eines Zwölfjährigen stehen, nur weil sich dein Körper in einer, sagen wir mal, Ruhephase befindet. Du steigst in der Schule weiter in die nächste Klasse auf und erlebst mit, wie sich die Mädchen entwickeln. Du wirst gleichermaßen bei den Jungs hören, wie sie sich über Mädchen unterhalten, wie sie sich sexuell entwickeln und wirst merken, was das bei dir auslöst. Spürst du plötzlich das Verlangen als Mädchen von einem Jungen umworben und als Mädchen geküsst zu werden? Oder willst du wie ein Junge mit einem Mädchen zusammen sein? Bist du ein Junge und fühlst dich zu anderen Jungen hingezogen? Du darfst dich bei mir ausprobieren. Wenn du dich wieder als Mädchen anziehst und ein Date mit einem Jungen hast oder mit einem Mädchen, heißt das nicht, dass du wieder als Mädchen leben musst. Wir geben dir die nächsten Jahre Zeit, dich zu finden und ich werde dich nach deinen Wünschen fragen. Zwischen uns beiden wird ein enges Vertrauensverhältnis wachsen. Nur, ich erwarte nicht das von dir, was deine Eltern notgedrungen und naturgemäß von ihrem Kind erwarten, deshalb ist es zwischen uns viel leichter und angenehmer. Du kannst dich bei mir fallen lassen. Die Wahrheit kennen nur wir beide und du bestimmst die Richtung. Bist du mit siebzehn Jahren der Auffassung, dass du den Rest deines Lebens als Junge verbringen willst, setzen wir die Spritze ab und du bekommst männliche Hormone, die du spätestens nach der geschlechtsangleichenden Operation, auch lebenslang einnehmen musst. Erst dann, mit den Hormonen, bilden sich die Muskeln. Du musst also versuchen, dich ohne die übliche körperliche Kraft gegen Angriffe anderer Jungen zu wehren.“

Mein Vater lachte. „Max trainiert seit drei Jahren regelmäßig Kampfsport. Ich hatte dabei in erster Linie an meine Tochter gedacht, damit sie sich im Dunkeln sicher fühlen kann, wenn sie bei uns im Dorf an der Bushaltestelle warten muss. Nun, die Techniken werden ihr als Junge jetzt sicher zugutekommen.“ Der Doc sah mich bewundernd an. „Oh, hast du etwa schon den schwarzen Gürtel?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht. Aber ich arbeite dran. Das dauert noch ein paar Jahre. Wie läuft das denn später mit der Operation ab?“ „Gute Frage. Aus rechtlichen Gründen, die ich im Übrigen voll unterstreiche, geht das erst ab dem achtzehnten Lebensjahr. Die Brust werden wir nicht entfernen brauchen, weil du ja keine bekommst. Nur die Eierstöcke und die Gebärmutter werden entnommen. Das geht heute unproblematisch. Allerdings dauert die OP länger, wenn du auch einen Penis haben willst. Es gibt etliche Methoden und unterschiedliche Zeitabläufe. In einer einzigen Sitzung kann man die inneren Organe entfernen und einen Penis aus dem Unterarmhautlappen aufbauen. Dazu werden auch Nerven transplantiert, damit die Patienten später etwas spüren. Aber die Klitoris bleibt an ihrer Stelle und ist das Zentrum deines Lustempfindens. Eine Entfernung rate ich ab. Die transplantierten Nerven können niemals einen Orgasmus hervorrufen, wie die Klitoris. Insofern bleibt ein weibliches Organ erhalten und muss es auch. Nach einer halbjährigen Erholungsphase können wir dir einen Hodenersatz aufbauen und eine Pumpe in den Penis einsetzen, damit du ganz normalen Geschlechtsverkehr mit einem Partner/Partnerin haben kannst. Es ist und bleibt allerdings ein Kompromiss, Max. Das musst du wissen. Die meisten sind natürlich damit sehr zufrieden, weil sie auf diese Weise ihrem gefühlten Geschlecht ziemlich nahe gekommen sind. Du bist, wenn sich die Diagnose als Erwachsener bestätigt, nun einmal im falschen Körper geboren worden. Wenn gleich ich stattdessen lieber das falsche Geschlecht verwende, denn zum Körper gehören ja noch mehr Teile und nicht jeder, der blaue Augen und blonde Haare hat und schlank ist, ist unglücklich darüber. Das Unglück steht und fällt mit den inneren und äußeren Geschlechtsorganen, die nicht zu dem Geschlecht passen, dass dir dein Gehirn signalisiert. Max, wir werden uns von nun an alle drei Monate sehen und ich werde dir Rede und Antwort stehen. Gönne dir diese Zeit. Es sind noch sechs Jahre, in denen du dich auf das Leben als Mann vorbereiten kannst und auch sehen wirst, ob es das ist, was du wirklich willst. Nach der Hormonbehandlung gibt es zwar noch ein Zurück, doch du würdest immer eine tiefe Stimme behalten, wenn der Stimmbruch erst begonnen hat. Die Veränderungen an der Stimme sind irreversibel und natürlich eine Entwicklung, die sich über eine lange Zeit hinzieht. Auch biologische Männer hören sich mit dreizehn, sechzehn oder zwanzig Jahren anders an, als mit Vierzig. Nach der Totaloperation sind aber dann alle inneren weiblichen Geschlechtsorgane weg. Und wir müssen nach relativ kurzer Zeit unbedingt die Eierstöcke entnehmen, weil sich sonst unter dem Einfluss der männlichen Hormone Tumore bilden können. Es ist also wichtig, sich jetzt viel Zeit zu lassen.“ Meine Mutter druckste etwas herum. „Herr Doktor, auch wenn diese Frage noch verfrüht erscheint, mein Sohn wird ja nie eigene Kinder als Mann zeugen können. Aber müssen seine Eierstöcke bei der Operation weggeworfen werden? Kann man nicht Eizellen entnehmen und einfrieren lassen? Vielleicht will Max eines Tages eine Frau heiraten. Dann könnte sie sein Kind austragen, wenn sich ein geeigneter Samenspender findet. Ich weiß, es klingt altmodisch, aber wir sind ein altes Adelsgeschlecht und ich konnte nach Max keine Kinder mehr bekommen. Ich bin sehr spät schwanger geworden und meine Gebärmutter musste danach entfernt werden. Ich wurde auch an den Eierstöcken bestrahlt. Wenn ich meine gesunden Eizellen hätte vorher entnehmen lassen können, wäre meine Schwägerin bereit gewesen, mit Zustimmung meines Schwagers, das Kind meines Mannes auszutragen und uns nach der Geburt zu geben. Wir wären ja die leiblichen Eltern gewesen. Es geht um den Erhalt der Dynastie.“ Ich sah von einem zum anderen. Auch bei meinem Vater zuckten kurzzeitig die Gesichtsmuskeln. Hey, war das Gespräch aber plötzlich interessant geworden! Das wusste ich ja alles gar nicht. Ich verstand zwar noch nicht allzu viel, aber die Details konnte ich zu Hause im Internet durch lesen. Was war denn mit Bestrahlung gemeint? Dr. Reimers sah plötzlich sehr ernst aus. „Ja, das verstehe ich. Nun hat Max ja bereits die erste Blutung bekommen und somit sind auch reife Eizellen vorhanden. Das ist im Augenblick ein großer Vorteil. Aber es sind in der Regel für die Erfüllung des Kinderwunsches noch nicht genug. Bei Mädchen, die noch keine Blutungen hatten, gibt es Studien hinsichtlich der Entnahme unreifer Eizellen. Man nennt das In-Vitro Maturation. Aber das Verfahren ist noch in der Vorbereitung. Was wir jetzt tun können, wäre, noch einmal ein Hormonstimulierendes Mittel zu geben und im nächsten Zyklus so viele Eizellen zu entnehmen, wie möglich. Man rechnet mit 25 Stück für zwei Kinder. Das bedeutet aber, dass Max heute noch keine Spritze haben kann. Die Kosten für die Entnahme und die Einlagerung zahlt die Krankenversicherung nicht. Wobei, es in diesem besonderen Fall doch sein könnte, denn der Patient ist noch minderjährig. Bei Krebspatientinnen im jugendlichen Alter wird so etwas oft gemacht. Doktor Malinka ist unser Frauenarzt, der diese Behandlungen durchführt. Soll ich ihn anrufen?“ Meine Eltern sahen sich an und dann mich. „Was meinst du?“, fragte meine Mutter. Die hatte Nerven. Ich brauchte nicht lange zu überlegen. „Wenn ich danach endlich ein Junge bin, ist mir alles egal!“ „Ja“, hörte ich meine Eltern wie aus einem Mund sagen. Zehn Minuten später saßen wir im Wartezimmer des Frauenarztes, eine Treppe höher. Überall hingen Babyfotos. Waren die süß! „Max von Wildenstein“, der Doktor kam persönlich und bat uns ins Sprechzimmer. „Doktor Reimers rief mich eben an. Du bist also der Max oder wie soll ich dich ansprechen?“ Ich nickte. „Ja, ich bin ein Junge“, sagte ich aus vollster Überzeugung. „Gut, Max, bevor du von Herrn Reimers behandelt werden kannst, möchten deine Eltern und ich denke auch du, dass wir dir Eizellen entnehmen, die dann tiefgefroren werden, damit du später, wenn du ein Mann bist, in gewisser Weise auch Vater werden kannst. Das ist an sich eine sehr leichte Geschichte. Du merkst gar nichts, denn du bekommst eine kleine Narkose. Wenn wir genügend Zellen haben, gibt Dr. Reimers dir die Spritze, die zunächst jede weitere Pubertät unterdrückt. Ziel ist es ja, dir jederzeit die Möglichkeit zu geben, wieder als Mädchen zu leben, wenn du es möchtest, bis du dann als Erwachsener deine endgültige Entscheidung triffst. Wann war die letzte Regel?“ „Vor gut einer Woche“, sagte meine Mutter. „Schön, das passt. Ich schreibe Ihnen jetzt ein Mittel auf, das Max einnehmen muss. Es kommt dadurch zu einer vermehrten Eireifung. Ich rechne gerade weiter. Wir sollten in zehn Tagen so weit sein. Die Entnahme findet in meiner Privatklinik statt. Sie kommen morgens mit Max dorthin und wir schauen uns die Sache an. Nach der Entnahme können Sie nach Hause fahren. Wahrscheinlich wird Doktor Reimers ihm vorher die erste Spritze geben wollen, damit er nicht wieder mit der schmerzhaften Regel konfrontiert wird. Es kann aber dennoch zu einer Schmierblutung kommen. Das dauert etwas, bis sich der Körper umgestellt hat.“ Mein Vater nickte. „Die Kosten übernehmen wir als Selbstzahler privat. Wir werden auch die Behandlung bei Doktor Reimers aus eigener Tasche zahlen. Und für die spätere Operation werde ich Geld zurücklegen, damit unser Kind die besten Ärzte bekommt.“ „Herr Graf, das ehrt Sie, aber das Wichtigste ist, das Ihr Kind ein glücklicher Mensch wird und seine Potenziale voll ausleben kann. Dabei wollen wir Ihnen helfen. Scheuen Sie sich bitte nicht, bei Ihrer Krankenversicherung nachzufragen. Es ist Ihr gutes Recht. Max, wir sehen uns. Da gibt es nur noch diesen einen kleinen Eingriff. Dann hast du das Schlimmste vorerst überstanden und Doktor Reimers wird dich danach begleiten. Meine Sprechstundenhilfe erklärt Ihnen alles. Ich rufe Herrn Reimers gleich zurück.“ Während wir noch in der Anmeldung standen kam der Doktor wieder zu uns. „Also, wie ich vermutet habe, bekommt Max die erste Spritze gleich nach dem erfolgreichen Eingriff. Das mache ich persönlich diesmal dort in der Klinik. Der nächste Spritzentermin bei Herrn Reimers mit Gespräch, ist dann drei Monate später hier. Auf Wiedersehen. Alles Gute für dich, Max.“

Wir sahen uns an. Den konnte man auch in die Kategorie nett einordnen, beschloss ich sofort für mich selbst. Zufrieden gab ich ihm die Hand. Aber schade, dann wird es jetzt noch nichts, mit meinem Leben als richtiger Junge. Wenigstens konnte ich schon einmal hoffen. Vater und Mutter nahmen mich abwechselnd in die Arme. Sie gaben mir alle Sicherheit der Welt. Zu Hause lief der Alltag weiter. Ich schluckte also brav meine Tabletten und erzählte jedem, der es hören wollte und auch denjenigen, die es nicht wollten, dass ich ab sofort nur noch Max hieße und sehr bald ein Junge wäre. In der Schule lief es wider Erwarten recht unproblematisch. Meine Mutter hielt Wort und sprach mit dem Direx. Sie besaß wirklich einen ziemlich guten Draht zu dem. Das einzige zu lösende Problem war ja der Sportunterricht. Der Direktor kam extra deshalb in unsere Klasse, erklärte den anderen, um was es ging und erwartete, dass ihm keiner widersprach. Ich sollte mich bei den Jungs ganz normal wie jeder andere umziehen. Die Angelegenheit war also von höchster Stelle geklärt. Mit einem recht mulmigen Gefühl betrat ich trotzdem am nächsten Tag die Umkleide vorm Sportunterricht. Mit den meisten Jungs spielte ich ja schon am Nachmittag im Fußballverein und dort zogen wir uns auch immer zusammen um. Allerdings duschten wir zu Hause. Hier in der Schule duschten wir nach dem Sportunterricht, wenn danach noch andere Stunden auf dem Plan standen. Ich schmiss bewusst cool meine Sporttasche auf die nächste freie Bank. Andreas war zwei Köpfe größer als ich, kam auf mich zu und baute sich wie ein Schrank vor mir auf. „Du, Graf, wehe du fasst nachher beim Duschen meinen Schwanz an!“ Ich blickte überrascht hoch und konterte: „Andy, was soll ich denn da anfassen? Da ist doch nichts!“ Die ganze Klasse begann zu grölen. Alarmiert von unserem Krach kam Herr Schaaf hereingestürzt. „Was ist hier los! Zack, Zack, meine Herren, an die Ringe. Ihr wollt doch noch Fußballspielen.“ Er sah auf mich herab und witzelte: „Ihr habt ja nun den künftigen Star von Bayern München in der Mannschaft. Max, ich will nachher Tore von dir sehen. Und wenn möglich, mehr Ruhe, bitte. Die anderen Klassen möchten noch etwas vom Unterricht mitbekommen!“ Ich sah Andy an und flüsterte: „Das glaubt auch nur der!“ Er grinste. „Hast du das eben ernst gemeint? Das da bei mir nichts ist?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ne, da ist bestimmt alles okay bei dir“, und setzte traurig nach: „Ich wollte, ich wäre schon so weit!“ Andreas legte mir spontan seinen Arm um die Schulter. Was dann kam, war das Krasseste, was ich bisher in der Schule erlebt hatte. Ich war an den Ringen besser als alle anderen. Herr Schaaf nickte mir wohlwollend zu und beim Fußball stand es am Schluss Sechs zu Eins für meine Mannschaft. Drei Tore hatte ich davon geschossen. Zwei waren Eigentore der anderen und der Gegentreffer rutschte Frank durch. Frank war unser Torwart und musste hinterher getröstet werden. Aber wir gönnten den anderen den Ehrentreffer. Zehn Tage später saß ich mit meiner Mutter im Flugzeug. Mein Vater hatte zu arbeiten und meinte, wir sollten von München aus nach Hamburg fliegen. Das ginge schneller. Er brachte uns selbst zum Flugplatz. War das geil! Ich war noch nicht so oft geflogen und empfand es jedes Mal als supertolles Erlebnis. Ich durfte beim Start Kaugummi kauen. Mutter hatte mir einen Fensterplatz reserviert. Ich zählte die Wolken und blickte total happy auf die Städte unter mir. Es sah aus, als wenn die ganze Welt aus Miniaturbausteinen bestand. In der Klinik waren alle sehr nett. Aber die Spritze für die Narkose spürte ich doch und hinterher hatte ich fürchterliches Bauchweh. Doktor Malinka kam wenig später und hielt wieder eine Spritze in der Hand. „So, Max, das war erfolgreich. Deine Eizellen werden nun eingefroren und wenn du mal erwachsen bist, kannst du immer darauf zurückgreifen. Was ist? Bist du bereit für die nächste Spritze? Das ist auch die letzte Quälerei für heute, versprochen. Danach fliegt ihr zwei nach Hause.“ Ich sah ihn mit großen Augen an. Da fragte der noch! Für diese Spritze würde ich bis an den Nordpol fliegen. „Und danach darf ich endlich ein richtiger Junge sein?“ Er lachte, „Indianerehrenwort.“ Den Einstich nahm ich nicht mehr wahr. „Die Eizellen werden in einem Institut in Holland eingelagert. Wir haben dort feste Verträge. Sie erhalten die Papiere gleich von meiner Sekretärin. Melden Sie sich, wenn Sie Fragen haben“, sagte er zu meiner Mutter gewandt. „Warum Holland, Herr Doktor? Ich dachte, das Einfrieren von nicht befruchteten Eizellen ist in Deutschland erlaubt?“, hörte ich sie tatsächlich gleich fragen. „Ja, das ist richtig. Nur, hier liegt der Fall anders. Wir wissen ja nicht, wie sich Max entwickeln wird. Er kann sich in ein paar Jahren mit seinem Geburtsgeschlecht aussöhnen oder er will weiter ein Junge sein. Die sexuelle Ausrichtung steht selbst dann mit Siebzehn noch nicht fest. Vielleicht wird er heterosexuell und will als Mann mit Frauen zusammen leben, oder er wird bisexuell, oder, auch das ist im Bereich des Möglichen: Er wird homosexuell. Wenn er dann mit einem anderen Mann zusammenlebt und die beiden Kinder wollen, brauchen sie eine Leihmutter. Das ist in Deutschland noch nicht erlaubt. Hier ist man, was das Wohl und Glück der Bürger angeht, leider etwas schwerfällig. In der Gesetzgebung steht alles wunderschön im Grundgesetz aufgeschrieben, aber bei der praktischen Anwendung am Menschen, sind uns die Holländer immer noch um Lichtjahre voraus. Wir haben dort gute Erfahrungen gemacht und arbeiten gerne mit dem Labor in Amsterdam zusammen. Die Kosten sind auch geringer, als hier in Deutschland.“ „Darf ich kurz stören. Hier sind die Papiere für das Einlagern der Eizellen und alle Modalitäten sind in der beigefügten Erklärung beschrieben. Und das ist der nächste Termin für Max in drei Monaten bei Doktor Reimers. Er möchte dann einen möglichst genauen Bericht, wie die letzten Blutungen waren, ob überhaupt noch welche aufgetreten sind und vor allem, was alles in der Zwischenzeit passiert ist. Max‘ Entwicklung in Elternhaus, Schule und Freundeskreis soll lückenlos dokumentiert werden.“ Die junge Frau gab meiner Mutter eine Mappe und strich mir übers Haar. „Also, wie ein Mädchen wirkst du auf mich nicht.“ Nach dem Verabschiedungstrubel fand ich vor der Tür endlich zu mir. Ich blickte auf die belebte Straße, spürte den frischen kühlen Wind auf meiner Haut. Du bist gerade wieder neu geboren worden, frohlockte mein Herz. Es war, als wenn ich nicht als Säugling das Krankenhaus auf dem Arm meiner Mutter verließ, sondern mich selbst in den Armen hielt. Ich war nun noch einmal auf die Welt gekommen. Als kleiner Junge, der mit großen Augen das Leben neu entdecken wollte. Ich würde, so wie es mir mein Kopf seit ich denken konnte zuflüsterte, endlich normal sein und nicht mehr die fürchterliche Missgeburt, als die ich mich all die Jahre selbst gesehen hatte. Mutter nahm mich in den Arm und hielt minutenlang meine Hand. Ich heulte plötzlich Freudentränen. Sie konnte nicht fühlen, was ich fühlte und doch, sie war bei mir und sie versuchte, zu verstehen. „Max“, sagte sie leise, ,,was immer auch geschieht, wir werden für dich da sein, der Papa und ich. Es kann nicht immer alles glatt gehen, wir werden vielleicht auch Anfeindungen ausgesetzt sein, wenn dein Weg bekannt wird. Aber ich stehe dazu. Und ich werde alles in meiner Macht befindliche tun, damit du ein glücklicher Mensch wirst, mein Junge.“ Auch sie hatte nun Tränen in den Augen. „Komm, wir wollen Papa anrufen“, sagte ich, nahm mein Handy aus der Jackentasche und drückte seine Nummer. Er nahm sofort ab. „Dad, ich bin jetzt wirklich ein Junge. Ich bin einfach nur total happy, dass ihr mir endlich alle geglaubt habt. Das sind Wahnsinnsgefühle“, rief ich ins Mikrophon. Mein Vater schluckte. „Ich hab dich lieb, Maximilian und ich wünsche dir alles Glück der Welt. Gab es Probleme?“ Mutter nahm mir das Telefon ab. „Es ist alles in Ordnung. Sie haben 15 Zellen entnommen. Der Arzt meinte, das reicht. Sie wollten Max nicht noch einen Monat länger mit der schmerzhaften Blutung quälen. Die Eizellen werden in Holland eingelagert, das hat rechtliche Gründe. Die denken hier sehr vorausschauend. Ich hab alle Papiere mit. Die Rechnung schicken sie uns zu. Wir müssen jetzt los. Unser Flieger geht in zwei Stunden. Bis nachher, Liebling.“ „Ja, Dad, bis später.“ Ich nahm meine Mutter an die Hand und führte sie zum Taxenstand. Galant hielt ich ihr die Autotür auf. Der Taxifahrer staunte Bauklötze. „Das sieht man heute nur noch im Kino, oder bei den Royals“, meinte er. Du bist ja ein richtiger Gentleman.“ „Zum Flughafen, bitte“, sagte ich schmunzelnd. Es gefiel mir, endlich ein Mann zu sein. Na ja, da übertrieb ich noch ein bisschen, aber in ein paar Jahren würde niemand mehr wissen, wie traurig ich einmal gewesen bin, weil ich anders war, als die anderen Kinder. Als wir in München landeten, musste mich Mum wecken. Ich hatte den Flug so gut wie verschlafen. Doch das war auch kein Wunder, nach all den aufregenden Sachen, die ich in der Zwischenzeit erlebt hatte.

Vater stand zusammen mit Gerhard mit dem Auto am Flugplatz. Er drückte mich einmal fest an sich. „Chester wartet schon sehnsüchtig auf seinen Freund. Ab morgen wird fleißig für das Turnier trainiert, junger Mann.“ Ja, dachte ich, nichts lieber als das. Endlich würde ich ein normales Leben führen können. Ich durfte ich selber sein und musste mich nicht mehr verbiegen. Als ich während der Fahrt aus dem Auto blickte und die Landschaft an uns vorüberzog, war mir, als käme ich nun erst richtig nach Hause. Mutter hatte sicher Recht. Es gab noch viele Hürden zu nehmen, aber die gab es doch überall im Leben. Meine wichtigste Hürde war ich selbst gewesen. Ich und mein unpassendes Geschlecht. Nun würde endlich Ruhe einkehren. Ich musste mich nicht mehr für etwas rechtfertigen, das für normale Jungen auch das Normalste und Selbstverständlichste war, nämlich ihr Geschlecht. Ich konnte meine Gefühle noch nicht richtig in Worte fassen, dass würde mir erst viel später gelingen. Davon ahnte ich in diesen Augenblicken aber noch nichts. Jedoch, den bedeutendsten Moment in meinem Leben hatte ich nun leibhaftig gespürt. Ich fühlte mich zum ersten Mal Ganz. Die folgenden Jahre sollten meine Geduld noch ein wenig auf die Probe stellen. Das schien an diesem Abend aber nicht wichtig. Ich schlief so tief und fest, wie lange nicht mehr, meinem neuen und richtigen Leben entgegen. Zwei Tage nach der Rückkehr aus Hamburg erhielten wir am späten Nachmittag Besuch. Unser Dorfpfarrer bat darum, meine Eltern sprechen zu dürfen. Anfangs saßen die drei auch allein in der Bibliothek und tranken Tee. Ich hatte erst gar nichts von seiner Ankunft mitgekriegt, denn ich büffelte gerade für die nächste Lateinarbeit, als Mia zu mir ins Zimmer kam und sagte, ich möchte zu meinen Eltern kommen. Immerhin durfte ich jetzt das doofe Lateinbuch einen Augenblick zur Seite legen. Nicht schlecht, dachte ich. „Max, wir haben Besuch von Pfarrer Lüders.“ Mein Vater nickte mir zu. Ohne mir etwas dabei zu denken, streckte ich Hochwürden die Hand aus und begrüßte ihn, wie es sich gehörte. „Ich weiß, ich hab den Messdienerunterricht vergessen, ich bitte um Entschuldigung. Die Schule und das Reitturnier, wissen Sie. Aber ich will mich bessern und ich komme auch morgen zur Beichte. Ich hoffe, Sie und unser Herr Jesus können mir noch einmal verzeihen.“ Der Pfarrer lächelte. „Es geht nicht um den Unterricht, Maximiliane. Ich verstehe nicht, warum dich dein Vater jetzt geholt hat, das Gespräch hier ist rein erwachsener Natur.“ Hä? Ich verstand wieder nur noch Bahnhof. Würde mir mal einer erklären, was los ist? Meine Mutter reagierte prompt. „Wir haben vor Max keine Geheimnisse, Hochwürden und ich denke, es geht doch um ihn. Es geht Ihnen um unseren Sohn? So, habe ich den Grund Ihres Besuchs doch verstanden?“ Boar! Meine Mutter hatte ihrer Stimme einen Klang gegeben, der signalisierte, dass mit ihr nicht gut Kirschenessen war. Auch mein Vater zog die Augenbrauen hoch. Der Pfarrer atmete aus. „Es geht nicht, dass ein Mädchen wie ein Mann behandelt wird. Wir sind alle auf unseren Platz in der Welt gestellt worden und müssen das sein, als was Gott uns erschaffen hat. Die Bibel duldet keine Abweichungen. Alles andere ist Ketzerei!“ Stille. Mein Vater hatte sich während der Rede unseres Priesters immer weiter gestreckt. Er stand auf und trat ans Fenster. „Herr Pfarrer, mein Geschlecht, und ich meine das der Wildensteiner Grafen, lebt seit mehr als vierhundert Jahren hier. Wir waren und sind katholisch und unterstützten alle bayerischen Herzöge und Könige und natürlich auch den Deutschen Kaiser. Ketzerei ist ein Wort aus einer Zeit, die wir längst hinter uns gelassen haben und ich glaube, es gehört hier und heute nicht mehr in unseren Sprachgebrauch. Ich bin nicht so bibelfest wie meine Frau und ich denke, dass diese Ihnen zu den anderen Vorwürfen mehr sagen kann.“ Meine Mutter stellte ihre Teetasse ab. Eine geradezu übermenschliche Kraft schien sie zu stärken und zu führen. „Ja, das will ich gerne. Als was hat uns Gott denn erschaffen? Nun, er hat am Anfang ein Stück Lehm genommen und nach seinem Ebenbild einen Menschen geformt. Damit hatte er aber nur einen Klumpen Erde vor sich und seine Meisterleistung bestand darin, diesem Klumpen, dem er den Namen Adam gab, Leben einzuhauchen. Adam wurde ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber was war zuerst da? Doch der Klumpen Lehm. Erst mit dem Leben, wurde ein Mensch daraus. Und was macht uns zum Menschen? Der Körper, der nur eine Hülle für unsere inneren Organe ist und allein gar nicht existieren kann, oder das, was wir Gehirn nennen, dort wo unser Verstand sitzt? Das Gehirn steuert Hände, Arme, Beine, alle Funktionen des Körpers. Nur dadurch können wir unsere Gliedmaßen gebrauchen und denken, fühlen, lernen, sprechen. Der wichtigste Teil des Körpers ist das Gehirn und das hat Gott zum Leben erweckt. Er hat also alles richtig gemacht. Im Gehirn sitzt das Zentrum unseres Selbst und es bestimmt auch, ob wir uns als Männer oder Frauen sehen. Wer sagt überhaupt, dass ich vor einem Löwen fliehen sollte und ein Wildschwein ein leckerer Braten für mich wäre? Wer teilt mir mit, wann es Zeit ist, etwas zu essen, zu trinken oder wann ich mich ausruhen muss? Das ist einzig die Leistung unseres Gehirns. Und Gott hat noch etwas Schöneres erschaffen. Er hat uns als Kinder auf die Welt kommen lassen. Unschuldig und in ihrer Ursprünglichkeit rein. Sündenfrei, Herr Pfarrer! Ein Kind sagt frei heraus, was es denkt. Und wenn ein kleines Kind meint, dass es ein Junge ist und dies im Widerspruch zu seinen körperlichen Geschlechtsmerkmalen steht, dann hat dieses Kind trotzdem erst einmal Recht. Cogito, ergo sum. Das brauche ich Ihnen sicher nicht zu übersetzen. Ein Mädchen wird niemals zum Mann und ein Mann wird niemals zur Frau. Wir werden als Mann und Frau geboren, in der Regel jedenfalls, es gibt ja krankheitsbedingte Ausnahmen, aber auch die haben ein Gehirn, das ihnen zuflüstert, was sie sind. Der Kopf bestimmt das Denken und der Kopf bestimmt das Geschlecht. Mein Sohn ist allem Anschein nach als Junge geboren worden, obwohl sein körperliches Geschlecht weiblich ist. Aber wer hat diese Zuordnung überhaupt aufgestellt? Warum hat ein Mann einen Penis? Es kann doch auch sein, das die Frau der Mann ist. Irgendwann ist das mal so festgelegt worden. Gott hat nur einen Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen und nannte ihn Adam. Ob er gleich einen Mann in ihm sah, wird in den Schöpfungsgeschichten der Religionen verschieden beschrieben. Solange Max sagt, dass er ein Junge ist, solange wird er für mich ein Junge bleiben. Ändert er seine Meinung, soll‘s mir auch recht sein. Und niemand wird mein Kind dafür ächten. Wer das tut, bekommt es mit mir zu tun. Und glauben Sie mir, Herr Pfarrer, ich bin tatsächlich, als was ich nach außen erscheine, nämlich eine Frau. Und, jetzt kommt das Wichtigste, ich bin zudem auch eine Mutter! Jesus hat uns alle durch sein Opfer von unseren Sünden befreit und Liebe gepredigt. Gott ist Liebe. Darf ich Ihnen noch einen Tee einschenken?“ Uff. Wenn ich nicht schon meine Mutter über alles lieben würde, hätte ich es jetzt getan. Das war superaffengeil, Mum! Du bist wirklich die Größte. Auch Vater, der sich sichtlich baff inzwischen wieder hingesetzt hatte, war etwas in seinem Sessel zusammengesunken und blickte sie bewundernd an. Es knisterte in der Luft. Ich konnte die Spannung spüren. Der Pfarrer überlegte offensichtlich seine nächsten Worte gut. „Danke, nein. Ich muss auch gehen. Ich werde die Angelegenheit mit dem Bischof besprechen. Solange Maximiliane nicht als Mädchen am Messunterricht teilnehmen will, ist sie beurlaubt. Der Bischof und vielleicht auch Rom, wer weiß, haben das letzte Wort in dieser Angelegenheit. Auf Wiedersehen. Bemühen Sie sich nicht, ich finde selbst hinaus!“ Er stand auf und ging aus der Tür, ohne sich umzudrehen. Mutter und Vater sahen sich sprachlos an.

„Du, ich glaube, wir sind gerade exkommuniziert worden“, meinte mein Vater sarkastisch. „Trotzdem, Adelheid, komm zu mir, mein Schatz. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Eine bessere Frau und Mutter meiner Kinder hätte ich mir nicht wünschen können.“ He, und was ist mit mir? Kein Messdienerunterricht vorerst? Geil, Chester!! Ich hab noch mehr Zeit zum Reiten. Ich denke, also bin ich. Wer sagte das noch? Das steht doch ganz vorne in meinem Lateinbuch. N‘ Franzose, glaub ich. Muss ich gleich nachsehen. Mein Vater zeigte jetzt aber wirklich Gefühle. Und da standen die beiden in der Bibliothek und knutschten sich, als wenn es ums Leben ging. Pfarrer hin, Pfarrer her, unser Herr Jesus war nicht der Pfarrer. Den Verdacht hatte ich jedenfalls schon lange gehabt. Der Jesus dachte anders. Der hatte nämlich gesagt, man solle die Kindlein zu ihm bringen und etwas von Nächstenliebe erzählt. Ich werde mich in Zukunft mehr an Jesus halten und nicht so sehr an den Pfarrer. Ach, und Latein können, war wirklich nicht schlecht. Ich beschloss, mich von meinen immer noch knutschenden Eltern zu verabschieden. Die Lateinarbeit morgen war nicht unwichtig. Zu Chester würde ich nach dem Lernen gehen und heute Abend wollte ich noch mich noch mal beim Gebet mit meinem neuen Kumpel Jesus unterhalten. Am Sonntagmorgen fuhr die ganze Familie wie üblich zur Kirche. Pfarrer Lüders predigte vom verlorenen Sohn und ich freute mich, in meiner Bank zusehen zu dürfen, wie die doofe Martina ihm als Messdienerin das Wasser zum Händewaschen reichen musste. Eigentlich wäre ich diese Woche damit dran gewesen, aber das wollte er ja nicht und hatte mir damit einen riesen Gefallen getan. Nach der Messe mussten wir nämlich noch mit ihm über die Messe sprechen und das dauerte in der Regel sehr lange. Er fand immer wieder etwas Neues und kam selten vor halb ein Uhr zum Ende. Heute fand unser jährliches Reitturnier statt. Und ich sollte schon um zwei Uhr mit Chester abreiten. So konnte ich wenigstens gleich nach der Messe um halb zwölf Uhr nach Hause fahren und noch etwas essen. Chester war natürlich bereits eingeflochten und geputzt und auch meine Sachen hatte ich mir hingelegt, damit ich mich schnell zu Hause umziehen konnte. Robert und die anderen im Stall arbeiteten Hand in Hand, wenn Vater und ich auf Turniere fuhren. Ich sollte im Pony E und Pony A starten und Vater würde heute Abend im Springpferde S und danach im S zwei Sterne Springen an den Start gehen. Ich gab ehrlich zu, sehr aufgeregt zu sein und dankte meinem Freund Jesus, dass er Martina auf diese Weise gerecht fürs Mobbing bestraft hatte. Ich betete und kniete sehr inbrünstig und bat ihn, wenn er noch fünf Minuten Zeit hätte, mir auch noch eine gute Platzierung beim Springen zu sichern. Das Lamm Gottes war zu Ende gelobt worden und wir durften wieder aufstehen. Martina strauchelte. Die Hexe war nach dem Kniefall auf ihr Messkleid getreten und buchstäblich über sich selbst gestolpert. Meine Liebe und Achtung für Jesus kannte keine Grenzen mehr! Die Eucharistiefeier begann. Oh je. Ob der Pfarrer jetzt mitspielte? Mein Vater ging nach vorne, kniete vor ihm und einen Moment lang sah es aus, als zögerte Hochwürden, aber dann gab er ihm die Hostie in den Mund. Auch meine Mutter kniete vor ihn nieder und bekreuzigte sich, nachdem sie die Hostie empfangen hatte. Gottseidank, auch ich erhielt meine Hostie, aber ich nahm sie in die Hand. Der Pfarrer machte mir das Kreuzzeichen auf die Stirn. Er flüsterte mir zu: „Komm morgen Abend um fünf Uhr in die Kinderbeichte.“ Ich musste mit dem Kopf nicken. Hach, das war natürlich nicht gut. Die Geschichte mit Martina und meine Schadenfreude kamen wohl zur Sprache und da waren noch mehr Sachen aus der Schule, wo ich, wie dem Direx versprochen, ziemlichen Bockmist veranstaltet hatte. Die Beichte würde nicht einfach werden, aber okay, ich sah zum Kreuz. Wenn Jesus es wollte, würde ich ihm den Gefallen tun und hoffte, dass auch er heute Nachmittag auf dem Turnierplatz Wort hielt. „Hast du gesehen, wie der Pfarrer zögerte?“, fragte meine Mutter meinen Vater, später im Auto. Der lächelte. „Ich bin nicht nur Schlossherr, sondern auch im Gemeinderat und im Kirchenvorstand. Der riskiert keinen Eklat. Außerdem hast du ihm sämtlichen Wind aus den Segeln genommen. Du solltest fürs Amt der Bürgermeisterin kandidieren. Bei dir würden alle stramm stehen“, lachte er. „Mir reicht der Landfrauenverein und der Chor. Meine Klavierstunden mit den Kids und alle anderen ehrenamtlichen Aufgaben sind genug. Macht ihr das mit der Politik unter euch Männern aus. Allerdings ist Frauke Lange ziemlich aktiv, sie wäre auch eine gute Wahl für das Amt.“ Ich hörte dem Gespräch meiner Eltern nur noch mit halbem Ohr zu. Meine Gedanken kreisten um das Turnier unseres Reitvereins. In Windeseile hatte ich mir in meinem Zimmer meine Reithosen übergezogen und musste mir beim Essen eine Ermahnung von Mum anhören. Dad lächelte verständnisvoll. Er war mindestens genauso gespannt wie ich und sollte ja auch selbst reiten. Unser siebenjähriger Hengst Apatchi wurde in der Springpferdeprüfung vorgestellt. Wenn Appi dabei gut abschnitt, würde er in drei Wochen mit zur Auktion kommen. Mit der Pferdezucht hatte sich mein Vater ein weiteres finanzielles Standbein aufgebaut. Mir tat es immer leid, wenn ich mich von unseren Fohlen oder Junghengsten verabschieden musste, aber das war nun mal das Leben, sagte Vater. Wir mussten mit der Zucht Geld verdienen und die Besten wurden halt verkauft. Gut, das ich kein Pferd war. Wer weiß, was den Erwachsenen noch alles eingefallen wäre.

Robert holte mich aus meinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Mein Handy summte einmal kurz in der Hosentasche. Ich hatte es auf Vibrieren gestellt, damit Mutter nichts merkt. Einmal vibrieren hieß, alles paletti, Chester steht auf dem Hänger. Das war nämlich nicht so leicht, denn er wollte nicht immer, wie wir wollten. Robert und die anderen Stallburschen hatten ihre Tricks. Ich rutschte unruhig auf meinem Platz hin und her. „Du darfst ausnahmsweise aufstehen, Max. Sag Robert, ich komme gleich. Er soll alles für die Abfahrt vorbereiten“, erlöste mich Papa. Das war mal ein Wort. Ich tobte auch gleich los. Als Vater endlich kam, brauchte er nur noch in den Transporter zu steigen. Ohne Probleme parkten wir eine Viertelstunde später auf dem Turnierplatz. Robert schickte mich zur Meldestelle. Janina, ein Mädchen aus dem Reitverein, saß am Computer, als ich an der Reihe war. Sie ging schon in die Zwölfte und lachte mich fröhlich an. „Hi, Maxi…miliane! Startbereitschaft erklären?“ „Japp, auch für meinen Dad. Springpferde S und S zwei Sterne, ich Pony E und Pony A. Chester ist in Höchstform, ach so. Und ich bin ab sofort ein Jungeee!“ Sie stutzte. „Wie hast du das denn hingekriegt?“, fragte sie mit großen Augen. „Ganz einfach, wir waren in Hamburg beim Arzt. Ich bekomme jetzt alle drei Monate eine Spritze und keinen Busen mehr. Gottseidank. Wenn ich Siebzehn bin, kann ich Bescheid sagen und kriege männliche Hormone. Aber ich darf bereits heute als Junge zur Schule gehen und mich überall wie ein Junge anmelden. Also, auf der Nennung streichst du bitte das e weg und machst Maximilian daraus. Aber nur das. Den zweiten Namen Auguste lass bitte ganz weg, sonst lachen die anderen mich wieder als den dummen August aus, wie beim Fußball, als der Trainer mich fragte, welchen Namen er denn nun auf die Spielerliste schreiben sollte.“ „Schon geschehen, soll ich den Richtern etwas dazu notieren? Die kennen dich ja alle als Mädchen?“ „Kannst du gerne, danke. Und die Daumen kannst du mir auch drücken.“ „Ne, geht nicht. Meine kleine Schwester startet auch beim Pony E. Du hast also ernst zu nehmende Konkurrenz!“ „Anita? Reitet sie etwa ihr dickes Shetty? Wie hieß der noch gleich?“ „Bronko, und ich hoffe, er kommt wenigstens über ein oder zwei Hindernisse mit ihr. So fett wie der ist, kann der eigentlich gar nicht springen.“ „Okay, wir sehen uns, Janina.“ Schnell lief ich zum Hänger, half Chester runterzuholen und begann ihn zu satteln. Es wurde Zeit. Auf dem Abreiteplatz war schon einiges los. Das Pony E begann und Robert deutete mir mit den Fingern an, dass ich noch drei Reiter vor mir hatte. Dann kam der große Moment. Ich ritt ein und direkt auf den Richterwagen zu. Und ich grüßte zum ersten Mal wie ein Junge, in dem ich die Hand an meinen Helm legte und kurz mit dem Kopf nickte. Die Richter kannte ich. Frau Behrens und Herr Weidenstock kamen immer zu uns, wenn ein Turnier stattfand. Ich sah, wie Frau Behrens mit Bernd, dem Ansager, sprach. „Kommst du mal bitte näher zum Richterwagen“, sagte er. Ich tat, was er wollte und ritt so nahe heran, dass ich mit den Richtern sprechen konnte. „Hier steht Maximilian, ist das richtig? Du bist doch ein Mädchen?“, fragte mich Frau Behrens. „Nein, ich war in Hamburg beim Arzt, ich bin transsexuell und ein Junge. Ich darf als Junge leben, bis ich alt genug bin, um operiert zu werden. Ich gehe auch als Junge in die Schule.“ „Rufen Sie mal bitte den Vater aus“, bat Frau Behrens. „Einen kleinen Augenblick, mein Kind. Ich muss mich vergewissern, dass alles seine Richtigkeit hat, sonst bekommen wir unnötige Proteste“, meinte sie zu mir. „Herr von Wildenstein, bitte einmal zum Richterwagen“, hörte ich Bernd sagen. „Einen Moment, bitte, meine Damen und Herren, es geht gleich weiter.“ Mein Vater lief über den Platz. „Bleiben Sie ruhig, Herr Graf. Wir haben Zeit genug. Als was sollen wir Ihre Tochter ansagen? Sie meint, sie wäre ein Junge und hieße nur Maximilian. Ich muss das aus rechtlichen Gründen mit Ihnen klären und darf mich da nicht auf die Aussage eines Kindes verlassen.“ Frau Behrens sah Vater fragend an. „Ja, das ist richtig. Natürlich muss alles seine Ordnung haben. Wir sind in Hamburg bei einem Kinderarzt gewesen und der hat uns bestätigt, dass unsere Tochter nur äußerlich ein Mädchen ist. Sie ist vom gefühlten Geschlecht her ein Junge. Meine Frau war in großer Sorge und sah es als notwendig an, ärztlichen Rat einzuholen. Herr Direktor Schmidt führt Max auch als Jungen in der Schule. Wir wollen ihm die Gelegenheit geben, in der gefühlten Rolle zu leben und warten ab, wie er sich mit siebzehn Jahren entscheidet. Hormonelle und operative Maßnahmen sind natürlich erst im Erwachsenenalter möglich und bis dahin wird die Pubertät unterdrückt. Ich wäre Ihnen in Maximilians Namen sehr dankbar, wenn Sie ihn auch in der männlichen Rolle ankündigen“, sagte mein Vater. „Das ist selten und ich habe selbst einen solchen Fall noch nicht erlebt, aber ich weiß natürlich, dass es das gibt. Gut, das reicht uns auch, oder Herr Weidenstock?“ Der nickte. „Keine Bedenken. Wenn der Vater einverstanden ist, haben wir nichts dagegen. Aber ich denke, wir fangen erneut an. Max, du reitest bitte raus und kommst noch einmal zur Grußaufstellung herein. Dann starten wir und Herr Schade wird dich mit deinem männlichen Namen ankündigen.“ Frau Behrens war sofort einverstanden. Mein Vater nickte ihr dankbar zu und kletterte unter die Absperrung durch, damit die Reitbahn frei wurde. Ich atmete einmal kurz ein und trabte mit Chester zu Robert, der am Einritt wartete. Er ahnte wohl schon etwas. „Cool bleiben, Junge, ruhig angaloppieren, gleichmäßiges Tempo und immer zum nächsten Hindernis schauen.“ Chester wollte aus der Bahn laufen, aber Robert nahm ihn am Zügel und drehte ihn herum. Der arme Kerl hatte wohl gedacht, heute gab’s kein Springen mehr und er könnte in seinen gemütlichen Stall zurück. Doch erst kam die Arbeit und danach würde er eine Extraportion Futter bekommen. „Wir begrüßen die Kopfnummer 12, passend zum Alter des Reiters, Maximilian von Wildenstein, mit seinem Pony Chester. Der Start ist frei.“ Ich grüßte noch einmal und zog meinen Helm ein wenig nach vorne. Die Zuschauer sollten alle wissen, dass hier kein Mädchen vor ihnen stand. Vollste Konzentration. Chester gehorchte jedem Schenkeldruck und flog über die Hindernisse. Ich ging mit der Hand vor und meine Schenkel klebten am Pferdeleib. Null Fehler, in einer passablen Zeit, aber auf die kam es nicht an. Das Ponyspringen war ein Stilspringen und die Leistung des Reiters sowie die Harmonie zwischen Reiter und Pferd wurden bewertet. Robert empfing mich bereits mit sehr zufriedener Miene. Vater kam auch angelaufen und klopfte mir aufs Bein. „Für die Nummer 12, Maximilian von Wildenstein, gibt es für diese schöne Vorstellung auch die Traumnote von 8,8“, hörte ich Bernd sagen. „Whow“, ich sprang fröhlich ab und drückte Chester fest an mich. Als ich ihn zum Hänger führte, spürte ich die Blicke der Zuschauer auf mir. Irgendetwas war anders. Viele tuschelten und sprachen miteinander. Ich konnte aber nicht hören, was sie sagten. Stolz und überglücklich sattelte ich Chester ab. Das Pony Stil A stand erst um vier Uhr auf dem Programm. Vorher kamen noch die Führzügelwettbewerbe und die Siegerehrungen. Das A würde auch auf dem großen Platz stattfinden, wo gleich nach uns die Erwachsenen mit der Springpferdeprüfung starten sollten.

Ich vertrieb mir die Zeit auf dem Dressurplatz und besuchte danach die Pommes Bude. Sheila, die dicke Angestellte des Schlachters, bediente dort, brutzelte leckere Pommes und Bratwurst. Sie kam aus Äthiopien und besaß eine so dunkle Haut, dass sie nie einen Sonnenbrand bekommen konnte. Ihr Mund verzog sich zu einem breiten fröhlichen Lachen, als ich vor ihr stand. „Na, da brat mir einer einen Storch. Dann bist du jetzt also der Junior Graf“, grinste sie und warf noch ein paar Pommes mehr in den Korb. Aber das war normal. Wir Kinder bekamen immer einen Zuschlag von ihr, denn wir mussten ja noch wachsen, meinte Sheila stets. Ich lachte auch. „Ja, Sheila, ich bin endlich ein Junge und es hat lang genug gedauert, bis meine Eltern das eingesehen haben. Aber nun wird alles gut. Was sagst du zu Chester?“ „Grandios, Herr Graf, grandios, Rot-weiß wie immer?“ Es duftete köstlich. Das Wasser lief mir im Mund zusammen, als der Überzug an Ketchup und Mayo Gestalt annahm. Eine fremde Frau hatte sich hinter mir angestellt. Ich beachtete sie nicht und trat ihr mit meiner Schale Fritten in der Hand auf den Fuß. „Entschuldigung“, sagte ich artig. Sie sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Du solltest dich was schämen. Ein Mädchen, das vorgibt ein Junge zu sein, pfui, wie gottlos ist das! Mädchen, die pfeifen und Hennen, die krähen.“ Sie kam nicht weiter. Sheila fiel ihr ins Wort. „Denen soll man wie alten Weibern, die totalen Blödsinn reden, den Kopf abdrehen. So, wer meine Kids beleidigt, beleidigt auch mich. Also, was soll‘s sein und dann schleich di.“ Die Frau starrte Sheila an und hatte anscheinend gar nicht verstanden, was diese gemeint hatte. „Eine Bratwurst bitte, mit Senf.“ Ich zwinkerte Sheila zu. Die wusste sofort Bescheid und griff unter ihre Theke. Sie hatte nämlich eine Geheimwaffe gegen die großen Jungs, die sie zu gerne ärgerten und manchmal mussten auch Männer dran glauben, wenn sie ihr zu anzüglich wurden. „Macht 1,80 Euro“, schmunzelte sie und legte die Bratwurst mitsamt Senf auf den Tresen. Die Frau ging, ohne sich umzusehen. Später sah ich sie am Getränkestand stehen. Die hatte vielleicht einen Durst. Aber das war kein Wunder. Sheila bewahrte nämlich unter der Theke ihres Pommes Wagens immer einen Topf mit echtem Düsseldorfer Löwensenf auf. Der war natürlich sehr scharf und wer nicht ahnte, in was er biss… oh je, dem tränten dann die Augen. Ich mochte Sheila sehr. Sie war ein Original im Dorf und ein Pfundskerl. Ein paar Mal wurde ich noch auf meinen Geschlechtswechsel angesprochen. Als ich mir als Wegzehrung eine Naschtüte aus dem Kaffeezelt holte, hielt mich unsere Bäckersfrau am Hemd fest. Sie nahm mich besitzergreifend in den Arm und an Entkommen war nicht mehr zu denken. Allerdings bekamen wir von ihr immer Kuchenschmull umsonst, wenn wir nach der Schule in die Bäckerei stromerten und für die Eltern am nächsten Tag Bestellungen aufgaben. Manchmal schenkte sie uns auch einen Lolli extra. „So, mein Kleiner, nun erzähl mal. Du warst in Hamburg? Hast du auch den berühmten Hafen gesehen? Und du bist jetzt also ein richtiger Junge?“ Sie saß natürlich nicht allein am Tisch. Der halbe Landfrauenverein war anwesend und die Frauen sahen mich neugierig an. Ich erzählte meine Geschichte. Und sagte ihnen auch, dass ich erst mit achtzehn Jahren operiert werden durfte, aber nun erst mal keine Brust und keine Regel mehr bekam. Sie fragten mir ein Loch in den Bauch, bis meine Mutter am Tisch erschien. „Adelheid, das trifft sich gut. Wir quetschen gerade deinen Junior aus. Aber dann bekommen wir ja von dir noch einen Vortrag über Transsexualität zu hören. Das ist sehr interessant. So etwas hatten wir hier ja noch nie“, rief Frauke Lange aus. Sie war im Gemeinderat tätig. Die beiden duzten einander seit langem. Ich stand auf und bot meiner Mutter den Platz an. „Wenn das dabei herauskommt, dann soll meine Ina aber auch schnellstens ein Junge werden“, meinte eine der Frauen verblüfft. „Das nenne ich Erziehung.“ Alle lachten in meine Richtung. Ich wurde rot im Gesicht und lief schnell wieder zum Hänger. Das Pony A würde bald beginnen. Am Abend lag ich zufrieden im Bett. Das E Springen hatte ich haushoch gewonnen, im A war ich drittplatziert. Appi hatte den Zweiten gemacht und war so gut wie verkauft, erzählte Papa. Ein Käufer bot ihm mehr, als er auf der Auktion bekommen würde und im S zwei Sterne kam Papa unter die ersten Zehn und wurde auch platziert. Der Tag konnte nicht besser gelaufen sein. Mir fiel die komische Frau wieder ein. Ich erzählte Mutter davon. Sie gluckste, als ich ihr von Sheila und dem Senf berichtete. Sie wollte Sheila fragen, wer die geheimnisvolle Frau war und gab mir einen Gutenachtkuss. Nach dem Turnier war bekanntlich vor dem Turnier. In den kommenden Wochen trainierte ich mit Chester, schrieb Klassenarbeiten und spielte Fußball. Das normale Leben hatte mich voll im Griff. Die ominöse Frau war vergessen. Unsere Sommerferien brachen an. Blutungen hatte ich keine mehr bekommen und meine Brust war als solche kaum noch erkennbar. Meine Mutter erlaubte mir einen kleinen Gliedersatz zu tragen, der es auch ermöglichte, im Stehen am Becken wie ein Junge zu pinkeln. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Das meiste lief buchstäblich über und in die Hose und angewidert ging ich in der Herrentoilette wieder in die Kabine. Aber beim Baden konnte man einen Jungen herrlich imitieren und ich steckte mir das Teil trotzdem regelmäßig in Unter- und Badehose. Im Freibad wusste jeder Bescheid, kein Mensch nahm von mir Notiz. Bis, bis zu dem Tag, als ich aus der Jungsumkleide im Schwimmbad kam und wieder diese Frau fast umgerannt hätte. Sie schimpfte gleich los. „Kannst du nicht aufpassen, du Bengel!“ Dann erkannte sie mich. „Du?“ Sie blickte auf meine nackte Brust und auf die Wölbung in meiner Badehose. „Du ziehst dir sofort etwas über den Busen, du schamloses Kind“, schrie sie. Einige Mütter drehten automatisch den Kopf zu uns hinüber und ich starrte die Person völlig perplex an. Der Bademeister war wie immer sofort zur Stelle. „Was gibt es?“ Er sah auf mich. „Hast du Blödsinn gemacht, Max?“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Ab, zu den anderen und haltet euch von dem Wäldchen fern, damit ich euch Banditen immer im Auge habe. Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er die Frau. „Das wird ein gerichtliches Nachspiel haben“, hörte ich sie sagen. Dann ließ sie unseren altgedienten Bademeister einfach stehen. So überrascht sah ich den auch selten. Zuhause brauchte ich gar nichts mehr zu sagen. Meine Mutter wusste bereits Bescheid. Die Frau des Försters war mit ihrem zweijährigen Sohn im Schwimmbad gewesen und hatte das Desaster mitbekommen. Ihre beiden älteren Jungen, mein Freund Jacob und sein zehnjähriger Bruder Mario, blieben mit mir im Bad, als sie mit dem kleinen Sven in die Försterei nach Hause fuhr und beunruhigt erst mal am Schloss anhielt, um mit meiner Mutter zu sprechen. Sie verabschiedeten sich gerade, als wir auf unseren Rädern ankamen. „Vielen Dank, Roswitha, ich werde mich der Sache gleich annehmen. Wir müssen herausfinden, wer die Frau ist und was sie hier macht.“ „Keine Ursache, Adelheid, wir sind doch eine große Familie. Uns kann so leicht nichts erschüttern“, antwortete Jacobs Mutter und zeigte ihm mit dem Finger den Heimweg. „Na denn, Max.“ „Na, denn, Jacob.“

Ich brachte mein Fahrrad in die Remise und folgte meiner Mutter ins Schloss, wo sie schnurgerade auf das Arbeitszimmer meines Vaters zusteuerte. „Es gibt Sorge“, sagte sie und ließ mich erzählen. „Was ist ein gerichtliches Nachspiel, Dad?“, fragte ich, als ich fertig war. Vater überlegte. Wohl weniger, um mir meine Frage richtig beantworten zu können, als umso mehr, er die Identität der Frau noch nicht kannte. „Wenn man ein rechtliches Problem hat oder sieht, kann man sich vor Gericht melden und von einem Richter, der streng nach dem Gesetz urteilen muss, ein ebensolches Urteil verlangen. Das ist dann für die beteiligten Menschen bindend, kann aber von einem höheren Gericht wieder aufgehoben werden. „Und wie hoch geht das?“ „Das geht bis zum Bundesverfassungsgericht in Deutschland, in Karlsruhe, oder in Europa bis zum Europäischen Gerichtshof, nach Luxemburg. Max, du lässt dich mit dieser Frau auf keine Diskussion ein und sagst uns sofort Bescheid, wenn sie dich wieder angreift“, meinte mein Vater. „Hm.“ Meine Mutter schien sich zu beruhigen. „Diskussion nein, aber du kannst sie ruhig nach dem Namen fragen und wer sie eigentlich ist. Aber versuche dabei nicht frech rüberzukommen, nur wie ein Naseweis und Lausejunge. Das sollte dir nicht schwer fallen. Diese Person muss ja etwas darstellen, sonst würde sie den Mund nicht so voll nehmen. Ich versuche über die Landfrauen etwas über sie herauszufinden“, sagte sie entschlossen und drehte sich auf dem Absatz um. Dad und ich unterhielten uns noch über Chester, das nächste Turnier und über Appi, der übermorgen abgeholt werden sollte. In den nächsten Tagen lief alles wie gewohnt weiter. Ich genoss zusammen mit Jacob und meinen Freunden die Ferien. In der letzten freien Woche stand eine Reise nach München an. Ich sollte mich der Kinderpsychologin vorstellen und fuhr mit Mutter im Zug in die Landeshauptstadt. Die Ärztin war sehr nett. Sie sprach mich auch gleich so an, wie ich es wollte. Außerdem kannte sie Doktor Reimers. Ich sollte erzählen, wie ich die Zeit, bevor ich als Junge leben durfte, erlebt hatte und wie es mir jetzt ging. Mutter verließ nach einer Weile das Zimmer. Sie hatte verstanden. Frau Michelsen wollte mit mir allein reden. „Max, als du klein warst und deine Mama dir Kleider anzog, woher wusstest du, dass du ein Junge warst?“ Ich brauchte nicht lange zu überlegen. „Ich wusste es einfach. Ich war wie mein Vater, wie Robert oder die anderen Männer. Jacob spielte mit mir und er trug Hosen. Ich wollte genauso angezogen werden wie er. Ich war wie er. Ich wusste gar nicht, was Mädchen sein sollten. Ich war jedenfalls keines.“ „Wie alt warst du, damals?“ „So um die drei oder vier Jahre. An meinem dritten Geburtstag kam Mama mit einer Kinderpost die Treppe herunter. Daran erinnere ich mich gut. Ich stand immer neben mir und war wütend, wenn ich ein Kleid anziehen sollte. Ich schrie einmal so lange, bis Mama mir endlich Hosen holte. Schon krass, wenn ich mir das vorstelle. Da ist man ein kleiner Mensch und die Umgebung erscheint einem total verwirrend. Es passte einfach nichts zusammen. Mein Kindermädchen war nicht besser als Mama. Sie versuchte auch ständig mir Kleider anzuziehen und ich schrie und boxte sie. Sie starb letztes Jahr. Ich denke manchmal, ich hätte artiger sein müssen.“ Frau Michelsen hatte sich Notizen gemacht, die sie jetzt zur Seite legte. „Max, du bist nicht schuld am Tod deiner Kinderfrau. Sie hat dich sehr lieb gehabt, so wie du warst und sie ist alt geworden und wurde krank. Sie ist auf eine ganz natürliche Weise gestorben und sie wollte bestimmt nicht, dass du glaubst, du hättest etwas mit ihrem Tod zu tun. Ich möchte nur wissen, wie weit deine Erinnerung zurückreicht. Es gibt die sogenannte genuine Transsexualität und die Sekundäre. Beim ersten ist der Wunsch und das Gefühl dem anderen Geschlecht anzugehören, bereits als Kleinkind vorhanden. Je älter du wirst, umso weiter entwickelt sich dein Gehirn. Irgendwann erlebst du dich als eigenständige Person. Das ist auch der Beginn der Feststellung deiner Geschlechtszugehörigkeit. Unbewusst identifizierst du dich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Wir gehen davon aus, dass dir dann dein Gehirn sagt, was du bist: Junge oder Mädchen. Insofern passt man später das biologische Geschlecht dem Gefühlten an. Umgekehrt funktioniert das auch nicht. Man kann einem Menschen dieses tief empfundene Geschlechtsgefühl nicht nehmen. Und Kinder wie du, bestätigen diese Annahme. Ich denke, wir holen mal deine Mutter wieder rein.“ Ich stand auf und kam einen Moment später mit ihr zurück. „Ja, Frau von Wildenstein, ich bin ähnlicher Meinung wie der Kollege in Hamburg. Es liegt wahrscheinlich eine genuine Transsexualität vor, das bedeutet, Ihr Kind ist mit dem falschen Geschlecht geboren worden. Alles natürlich unter Vorbehalt. Wir müssen gerade bei Kindern immer die Entwicklung abwarten, bevor Maßnahmen ergriffen werden können, die irreversibel sind, wie Stimmbruch oder sogar Operationen. Die geschlechtliche Ausrichtung wird sich auch noch einstellen. Wir wissen schlicht jetzt nicht, in welche Richtung Max wirklich strebt. Deshalb und weil es bis zum achtzehnten Lebensjahr und darüber hinaus auch zu vielen Schwierigkeiten mit der Umwelt kommen kann, wollen wir die Kinder psychologisch begleiten und meistens sind auch die Eltern dankbar, wenn sie kompetente Ansprechpartner haben. Ich werde Max aufnehmen, jedoch nur insoweit, als wir uns über seinen Lebensalltag und seine Erlebnisse unterhalten und auch Sie mir über Ihre Sorgen berichten können. Auf keinen Fall wollen wir Max beeinflussen. Er allein bestimmt, wie er oder sie leben möchte. Ich denke alle drei Monate sind für unsere Treffen ausreichend. Max schreibt sich auf, wenn etwas passiert ist, über das er mit mir sprechen muss und dann reden wir darüber und suchen nach Lösungen.“ Meine Mutter war beruhigt. Die beiden vereinbarten den nächsten Termin und ich zog sie danach ins angrenzende Eiscafe. Das konnte nicht besser für mich laufen. Nach den Sommerferien erhielt ich einen Dämpfer. Papa berichtete von einem Telefonat, dass er mit dem Bischof persönlich geführt hatte. Pfarrer Lüders würde aus gesundheitlichen Gründen abgelöst werden und ein neuer junger Pfarrer sich schon bald in der Gemeinde vorstellen. Ich durfte ab sofort selbstverständlich als Junge zum Messdienst kommen, wenn ich es denn wollte. Der Bischof fragte auch nach meiner Firmung. Vater legte den Termin auf das nächste Jahr fest, dann wäre ich dreizehn Jahre alt und genau im richtigen Alter. Der Bischof wollte sie selbst vornehmen. Ich war ja auch nicht der einzige und unsere Firmung sollte ein großes Fest für die Gemeinde werden. Das Problem war allerdings die Eintragung der Firmung in den Taufschein. Die konnte aus rechtlichen Gründen erst nach der amtlichen gerichtlichen Vornamensänderung erfolgen. So müsste ich wohl oder übel noch als Mädchen eingetragen werden. Mein Vater meinte, dass das vollkommen in Ordnung sei. Man könnte alles umschreiben lassen, wenn ich erwachsen bin. Hauptsache, der Bischof spricht mich bei der Firmung mit Max an und dass war für den überhaupt kein Problem. Er hob die Bedeutung unserer Familie für die Region und die Gemeinde hervor und welche ruhmreiche Vergangenheit auf dem Schloss Wildenstein, auch in katholischer Hinsicht, in den vergangenen Jahrhunderten lag. Mein Vater war nach dem Telefonat sehr zufrieden. Ich weniger. Ahnte ich doch, dass meine Beurlaubung vom Messdienst damit ein jähes Ende finden würde. Wie Recht ich damit hatte, merkte ich bereits eine Woche später. Der neue Pfarrer machte uns seine Aufwartung und lud mich gleich als künftigen Erben des Hauses zum Dienst am Sonntag ein. Und ausgerechnet an dem Tag stand wieder ein Turnier in einer Nachbargemeinde an. Vater lächelte und sprach für mich. Natürlich würde ich meiner Pflicht gerne nachkommen und meine stolzen Eltern freuten sich bereits auf die erste Predigt des neuen Pfarrers. Bäh, schleimiger ging‘s wirklich nicht. Mir blieb also nichts erspart. Am Dienstag war die nächste Reise nach Hamburg geplant. Wir flogen wieder und ich musste auf diese Weise noch bis elf Uhr in den Unterricht. Meine Eltern hatten sich also nicht nur mit dem Pfarrer gegen mich verschworen, sondern auch mit dem Direx. Trotzdem war der Flug wieder sehr aufregend und ich freute mich, Doktor Reimers zu sehen. Wir unterhielten uns eine ganze Stunde. Dann gab er mir die neue Spritze und ich war entlassen.

Die folgenden Wochen vergingen tatsächlich ohne besondere Vorkommnisse, außer dass sie sehr arbeitsintensiv wurden. Für mich hatte sich eigentlich gar nicht so viel geändert, aber mein Leben kam mir jetzt ein gewaltiges Stück eindeutiger und klarer vor. Ich musste niemandem mehr beweisen, dass ich ein Junge war und meine Geschlechtlichkeit nahm immer weniger Platz im Alltag ein, umso normaler dieser wurde. Meine Mutter versuchte herauszufinden, um wen es sich bei der geheimnisvollen Frau handelte und fragte überall bei ihren Bekannten und in ihren Vereinen nach. Im Nachbardorf wurde sie endlich fündig. Die Fremde war die Tante eines jungen Bauern, dessen Hof etwas außerhalb lag. Sie lebte eigentlich in Köln und führte dort einem Pfarrer den Haushalt. Die junge Bauersfrau, Mutter zweier kleiner Kinder von einem halben Jahr und vier Jahren, war an Krebs erkrankt und musste oft ins Krankenhaus. Die Tante war gekommen, um der jungen Familie zu helfen. Meine Mutter fuhr sofort auf den Hof. Als Vorsitzende des Landfrauenvereins gehörte es zu ihren wichtigsten Aufgaben, sich um die anderen Frauen zu kümmern und Hilfe zu organisieren, wo Hilfe gebraucht wurde. Georg Zander, der Bauer, arbeitete im Stall, als meine Mutter eintraf. Sie stellte sich gleich vor und berichtete, dass sie von dem Unglück der Familie gehört hatte und, egal, ob seine Frau Mitglied im Landfrauenverein war oder nicht, die Landfrauen sofort einen Hilfsdienst für ihn organisieren würden. Georg bat sie mit Tränen in den Augen dankbar herein. Seine Frau hatte Brustkrebs und war erst achtundzwanzig Jahre alt. Meine Mutter versprach ihm einen Arbeitsdienst für den Haushalt und eine Kinderbetreuung, bis seine Frau wieder gesund war und sie wollte gleich am Nachmittag zu ihr ins Krankenhaus fahren, um alles Wichtige mit ihr selbst zu besprechen. Georg freute sich sehr, denn er teilte die Ansichten seiner Tante nicht immer und die älteste Tochter, die schon in den Kindergarten ging, litt bereits unter deren strengem Regiment. Andererseits war er auf sie angewiesen, aber das würde sich ja dank der Landfrauenhilfe nun ändern. Meine Mutter berichtete ihm von mir und den beiden etwas merkwürdigen Begegnungen. Sie wollte seine Tante gerne kennenlernen. Er versprach, sofort mit ihr zu telefonieren. Die Hilfsaktion startete schon am selben Nachmittag. Eine der alleinstehenden älteren Frauen packte gleich ihre Sachen und zog ins Gästezimmer des Hofes. Meine Mutter hatte ihren Verein im Griff. Aber die Frauen arbeiteten gerne mit, sie profitierten alle davon. Ich war gespannt auf die Reaktion der Tante, wenn sie erfuhr, dass meine Mutter der Familie nun half. Eine Woche später saßen wir beim Abendessen und entgegen der üblichen Tischregeln, berichtete meine Mutter von ihrem Gespräch mit Klara Warnke. „Also, die Dame ist dreiundsechzig Jahre alt, Haushälterin bei einem Pfarrer in Köln und wollte zuerst gar keine Hilfe, weil sie sich wohl für unentbehrlich hält. Georg war da anderer Ansicht. Schließlich lebte sie in Köln und hätte immer eine mehrstündige Zugfahrt zu bewältigen und natürlich dürfte sie auch weiter kommen und helfen, meinte er. Aber die ortsansässigen Landfrauen können viel flexibler reagieren und die Last ist auf viele Schultern verteilt, so dass die Frauen Freude an ihrer Aufgabe haben, weil jede gerne etwas beitragen will. Nachdem ich ihr das erklärt hatte, wurde sie zugänglicher. Ich sprach sie auf ihre Arbeit im Pfarrhaus an und erzählte ihr von dir. Klara hatte ihrem Pfarrer davon berichtet und nicht unbedingt Zustimmung erhalten. Natürlich wäre formal die Kirchenlehrmeinung auf ihrer Seite, aber gerade auch in Köln, wo es viele Homosexuelle gibt, muss sich die Kirche auf das tatsächliche Leben einstellen, Toleranz üben und die Menschen mit ihren Problemen respektieren. Außerdem wäre niemand außer Gott perfekt, sagte der Priester. Daran kaute die Ärmste ziemlich lang. Ich habe sie zum Adventsfest zu uns aufs Schloss eingeladen. Dort könnt ihr euch näher kennenlernen und bitte versuchen, Frieden zu schließen. Sie hat zugesagt und ich hoffe, das leidige Thema ist damit vom Tisch. Du wirst ihr freundlich entgegentreten.“ Ich seufzte nur: „Okay, Mum.“ Mir war das egal. Das Adventsfest gab es jedes Jahr vor Weihnachten. Der Schlossplatz wurde weihnachtlich geschmückt, einen großen Baum schlug Vater regelmäßig selbst und meistens durfte ich mit in den Wald fahren, und ihn aussuchen. Dann kamen viele Leute, die an ihren Ständen selbstgebastelte oder gestrickte Sachen anboten. Natürlich gab‘s Kaffee und Glühwein für die Großen und das ganze Schloss duftete herrlich nach Lebkuchen und Bratwurst. Der Weihnachtsmann kam natürlich auch am Abend, nachdem wir Kinder alle zusammen mit den Erwachsenen Weihnachtslieder gesungen hatten. Meistens fuhr er in der Ponykutsche vor und ganz selten, wenn Schnee lag, kam er im Pferdeschlitten. Ich wusste sehr früh, wer sich hinter dem weißen Bart verbarg. Es war Robert und auch die anderen Jungen grinsten immer, wenn die jüngeren Kinder sich respektvoll seiner Rute näherten. Aber alle bekamen eine Naschtüte aus seinem Sack. Nur die frechsten Jungen erhielten einen Klaps mit der Rute. Für uns war das vom zehnten Lebensjahr an eine Ehre und wir hielten ihm unsere Hintern freiwillig vor. Diesmal wollte ich auf jeden Fall dazugehören und hatte mir ein ordentlich freches Gedicht ausgedacht. Der große Tag war gekommen. Wir Jungen warteten schon sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann und hatten uns am Naschtütenstand zusammengefunden. Andy wollte ihm eine Gummispinne in den Mantel stecken und Bernd einen Pupssack unter sein Kissen in die Kutsche legen. Schnee gab es leider keinen und so würde der Weihnachtsmann, also Robert, mit der Ponykutsche kommen. Erst wollten wir ihm noch einen Knaller hinterher werfen, aber ich wiegelte ab. Die anderen ritten nicht und das war keine gute Idee für Pünktchen, mein altes Shetty, das den Weihnachtsmann stets ziehen musste. Die Schlossuhr schlug fünf Uhr. Mein Vater stand wie immer auf der Schlosstreppe und bedankte sich bei allen Besuchern fürs Kommen. Dann sollten wir singen, um so dem Weihnachtsmann den Weg zu uns zu zeigen. Meine Mutter kam mit Klara auf mich zu. Ach, Schitt, das war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Sie gab mir die Hand und entschuldigte sich für ihre Worte. Ich erwiderte die Entschuldigung und versprach, beim nächsten Turnier besser aufzupassen und ihr nicht wieder auf die Füße zu treten. Meine Mutter nickte zufrieden. Ich nahm die Beine in die Hand, um mich rechtzeitig vor Roberts Ankunft neben die anderen ungezogenen Jungen stellen zu können. Pünktchens Glöckchen an der Kutsche bimmelte. Die kleinen Kinder sahen mit großen Augen zu dem Miniaturpferdchen, das den dicken Weihnachtsmann scheinbar mühelos zog. Robert hatte sich den Bauch mit Kissen ausgestopft und machte eine ziemlich stattliche Figur. Ich grinste. Andy auch. Dann nahm ich Pünktchen und hielt es am Halfter fest. Der Weihnachtsmann bedankte sich bei mir. „Wie heißt du denn, mein Junge?“ „Max, heiße ich, Weihnachtsmann, du alter Sack, stehst hier ‘rum in deinem roten Frack. Äpfel, Nüss‘ und Mandelkern, essen moderne Kids gar nicht gern. Computerspiele und Handys wollen wir haben, behalte deinen blöden Gaben. Hast du vielleicht was zu rauchen? Hasch und Zigaretten können wir gebrauchen. Ist nichts davon in deinem Sack, du Arsch, mach das du weiterkommst, Marsch, Marsch.“ Den begehrten Schlag mit der Rute erhielt ich nicht mehr. Mein Vater hatte mich bei den letzten Worten am Kragen gepackt und ins Haus gezogen. Einen Moment später saß ich allein in meinem Zimmer. Der Adventsabend war vorbei und das Fußballtraining fand in den kommenden Tagen ohne mich statt. Meine Kumpels kamen und fragten, warum ich nicht rauskäme. Lakonische Antwort von Mia: „Der junge Herr Graf hat Stubenarrest.“ Natürlich hatte ich mich längst bei Robert und meinen Eltern entschuldigt. Vater erzählte, dass er sich fast vergessen und mir, wie früher üblich, am liebsten den Hintern versohlt hätte.

Mein tolles Gedicht brachte das ganze Dorf zum Lachen und mein Deutschlehrer ließ es an die Tafel schreiben und ging mit uns die Fehler in den Versmaßen durch. Hinterher stand Gedichte schreiben in der Schule auf dem Programm und wir mussten auch bekannte schönere Weihnachtsgedichte interpretieren lernen. Die anderen sahen mich sauer an. Aber als ich beim Krippenspiel am Heiligen Abend in der Kirche brav den Joseph spielte, war alles wieder in Butter. Meine Eltern trugen mir nichts mehr nach. Sie hatten sich damit abgefunden, einen frechen Jungen aufziehen zu müssen. An Sylvester schneite es. Wir tobten mit dem Schlitten den Schlossberg hinunter und am 2. Januar fuhr ich mit meinen Eltern nach Reit im Winkl. Wir hatten dort ein kleines Hotel gebucht und wollten, wie jedes Jahr, ein paar Tage Ski laufen. Der Hotelangestellte fragte nach meinem Kinderausweis und meine Mutter erklärte ihm, dass der Mädchenname falsch wäre, denn ich würde ein Junge sein und wäre transsexuell. Es gab ein kurzes Gelaber, bis der Hotelmanager meinen Eltern Recht gab und ich als Maximilian einchecken durfte. Ich verstand deshalb sehr schnell, dass ich Papiere auf meinen männlichen Namen brauchte und fragte meine Eltern, ob man so etwas nicht früher kriegen konnte. Mein Vater versprach, zu Hause unseren Hausanwalt anzurufen. Das war eine blöde Welt, in der die Erwachsenen lebten. Alles musste seine Ordnung haben und Stempel und so. Auf den Menschen kam es nicht an. Es war doch viel wichtiger, gut zu sein, anderen zu helfen und nicht zu viel Blödsinn zu machen. Nun ja, ich konnte mich nicht immer dran halten und ein paar Ausrutscher unterliefen mir schon. Aber es blieb im Bereich des Erträglichen und ich machte nie etwas kaputt. Am schönsten war es, wenn andere Jungen dabei mitspielten. Zu zweit oder zu dritt machten Streiche einfach viel mehr Spaß. Ich hatte mich zum Beispiel mit Alois, einem dreizehnjährigen Gast aus Garmisch, spät in der Nacht ganz leise auf dem Flur getroffen. Die Hotelgäste durften ihre Schuhe, die geputzt werden sollten, vor die Tür stellen. Alois und ich vertauschten die Schuhe, so dass der Schuhputzer am nächsten Tag, ohne es zu wissen, alle Schuhe falsch zuordnete. Nur bei unseren Familien machten wir nix. Es fiel nicht auf, aber Dad sah mich mit seinem besonderen Blick an. Er ahnte wohl, wer hinter dem Schabernack steckte. Als ich am nächsten Morgen zu früh wach wurde und um kurz vor sechs Uhr aufstand, wollte ich mir nur etwas zu trinken aus dem Speisesaal holen. Die Bedienung hatte schon angefangen, das Büfett aufzustellen. Ich versteckte mich hinter einem Vorhang. Auf den Tischen lagen die Servietten der Gäste, deren Namensschilder daneben standen. Ich vertauschte erst die Namensschilder und dann noch mal die Servietten. Beim Frühstück gab es lautstarke Diskussionen um die richtigen Plätze und manche Gäste baten um neue Servietten, weil ihnen die Flecke auf der angeblich eigenen, nicht geheuer vorkamen. Ich erzählte Alois davon und wir lachten uns zusammen kaputt. Vater sagte nichts. Aber er war sehr froh, als wir endlich nach einer Woche wieder nach Hause mussten. Meine Mutter und er warfen sich vielsagende Blicke zu.

Ende Januar stand Vaters fünfzigster Geburtstag an. Die ganze Familie war eingeladen und Mia hatte zusammen mit der Köchin und einer zweiten Hilfskraft namens Alina alle Hände voll zu tun, um die Vorbereitungen zu treffen. Ich musste mein Zimmer aufräumen und konnte nicht verstehen, warum. Außer Hubertus und meiner Cousine Beatrix, die war Sieben, kamen keine anderen Kinder. Und den beiden war es ziemlich schnuppe, wie es in meinem Zimmer aussah. Mum duldete kein Aufbegehren. Ihre Schwester und ihr Schwager waren eingeladen, meine Oma natürlich auch, darüber freute ich mich am meisten. Oma war schon ziemlich alt, aber im Oberstübchen noch topfit. Sie konnte herrlich Geschichten erzählen und ich erfuhr auf diese Weise, wie sich das Leben der Leute damals vor und nach dem Krieg in Ostpreußen abspielte. Das Gut gehörte nun dem polnischen Staat. Damit konnte sich Oma nicht abfinden. Sie suchte immer wieder mit den anderen Erwachsenen nach Wegen, wie man den Besitz zurückbekommen konnte. Die meisten Gäste, wir wurden mit den Geschäftspartnern meines Vaters um die 120 Leute, kamen von außerhalb und mussten im Schloss untergebracht werden. Ich hatte angeregt, Hubertus bei mir schlafen zu lassen. Er war ja inzwischen schon Siebzehn und ich konnte viel von ihm lernen, vor allem natürlich allen möglichen Blödsinn. Als Onkel Ludwig und Tante Friederike ankamen, begrüßte ich sie artig. Sie wussten bereits von mir. Mama hatte mit ihnen telefoniert. Onkel Ludwig schlug mir auf die Schulter. „Na, dann wirst du also unser neuer Graf Wildenstein, Max. Ich muss ehrlich sagen, ich war gar nicht so überrascht. An dir ist tatsächlich ein Junge verloren gegangen und ich denke, die Entscheidung deiner Eltern war richtig.“ Er lachte und hatte sehr gute Laune. „Wo ist Hubertus?“, fragte ich „Er kommt nach, Max. Er steht mitten im Abitur und hat noch Klausuren zu schreiben“, antwortete meine Tante nicht ohne Stolz. „Aber er freut sich auf dich und will dir viel erzählen, was du als Junge wissen musst.“ Schitt und gut. Beatrix war auch noch nicht da. Ihre Mama war die Schwester meiner Mutter. Tante Alexa konnte sehr gut singen. Sie trat auch in der Oper auf und die Erwachsenen nötigten sie immer, ihnen etwas vorzusingen. Beatrix wollte deshalb ebenfalls Opernsängerin werden. Sie verkleidete sich gerne als Diva und übte fleißig. Wir sahen uns zu den Geburtstagen unserer Eltern öfter. Ich zog sie immer auf und tat erst, als wenn ich ihren Gesang schön fand. Sie merkte es und wurde richtig wütend, wenn ich ihr dann mein selbstverfasstes Gedicht aufsagte: „Frau Königin sind die schönste Vogelscheuche der Welt und Euer Gekreische vertreibt alle Vögel auf dem Feld!“ Aber wir mochten uns trotzdem und sie fehlte mir. Ich stromerte in die Küche. Am Abend würden die Gäste zum Essen kommen und die Tafel im großen Festsaal war bereits gedeckt. Die Köchin lief wie ein aufgescheuchtes Huhn durch ihr Refugium und auch Mia hatte keine Zeit für mich. Andererseits durfte ich das Schloss nicht mehr verlassen, denn ich trug meinen neuen Anzug und Mutter bat mich inständig, mich nicht mehr schmutzig zu machen. So war mir der Ausweg in den Pferdestall versperrt. Ich schaute mich um. Irgendwie meldete sich mein Magen. Auf dem Tisch standen noch halbwarme Puddingschalen. „Max, Finger weg, vom Nachtisch, am besten, du verschwindest ganz aus der Küche und lässt dich hier nicht mehr sehen“, rief mir Mia im Vorübereilen wohlweislich zu. Ich lächelte sie an und machte offiziell auch Anstalten, wegzugehen. Der Vanillepudding duftete herrlich und als Mia außer Sichtweite war, steckte ich einen Finger an den Rand einer der Schüsseln. Hm, das schmeckte echt gut. Eigentlich merkt doch gar keiner etwas, dachte ich mir, wenn ich nur am Rand blieb und den Rest der noch warmen Speise, welcher noch nicht fest war, wieder schön zusammenschmierte. Ich arbeitete mich also durch die Schüsseln. Vanille- und Schokopudding wechselten sich mit Zitronenspeise ab. Als ich durch war und die letzte Schüssel einer Inspektion unterzogen hatte, schlich ich mich aus der Küche. Lisa, die Köchin, kam gerade wieder mit neuen Köstlichkeiten herein und ahnte etwas. „Max, was hast du auf der Backe, du Nichtsnutz von Lausebengel? Hast du vom Pudding genascht?“ Mit geschultem Blick sah die alte Lisa die Bescherung. „Ich, ich hatte Hunger und dein Pudding schmeckte so toll. Wirklich, man sieht nichts, ich bin immer am Rand geblieben.“ Lisa war wie alle Köchinnen eitel, was ihren Beruf anging, und mein Lob traf sie am richtigen Fleck. „Komm, du Lümmel.“ Sie nahm einen Topf vom Herd, in dem sich eine Menge Puddingreste befanden. „Nimm einen Löffel und schmier‘ dich um Himmelswillen nicht voll, sonst bekomme ich Ärger mit der Gräfin.“ Ich nickte. „Nicht nur du, Lisa.“ Als der Topf sauber geleckt war, sah mein neuer Anzug trotzdem entsprechend aus, aber ich war restlos satt geworden. Mia stöhnte auf, als sie mich sah und schickte mich zum Reinigen sofort auf mein Zimmer. Auf keinen Fall sollte ich in dem Zustand meiner Mutter unter die Augen treten. Auf dem Weg nach oben, hörte ich Hubertus’ Stimme. Er erkundigte sich nach mir. Der Wasserhahn war prompt vergessen, ich stürzte zur großen Eingangshalle und hätte fast Tante Friederike über den Haufen gerannt. Hubertus riss mich hoch und starrte mich an. „Whow, Maxi, du bist ja ein richtiger Kerl geworden. Du siehst gut aus, Räuber!“ „Du auch, ich bin fast ein bisschen neidisch. Du bist ja schon ein Mann“, sagte ich mit leichtem traurigen Unterton. „Das kommt bei dir auch, Kleiner. Wann kriegst du deine Hormone?“ „Wenn ich so alt bin, wie du. Bis dahin muss ich körperlich Kind bleiben. Aber das hat auch was Gutes. Man kann länger Streiche machen, ohne richtig bestraft zu werden. Obwohl ich sicher bald wachse, das hat mir Doktor Reimers jedenfalls erzählt.“ Ich zog Hubertus von Tante Friederike weg nach oben in mein Zimmer. „Leider musste ich aufräumen, Mum war nicht zu bremsen. Sorry, es stinkt nach Putzmittel und sieht echt ätzend aus. Ich fühl mich sehr unwohl. Aber du kannst entweder auf dem Sofa oder auf der Luftmatratze im Zelt schlafen.“ Ich hatte ein Zweimannzelt in der Mitte des Zimmers aufgestellt. Hubertus lachte. „Ich würde sagen, wir packen dein Bettzeug auch ins Zelt und pennen beide drin. Hast du eine vernünftige Taschenlampe?“ „Klar und zur Not geht auch mein Handy. Das macht ebenfalls Licht.“ Die Puddingflecken auf der Jacke fielen mir wieder ein. Ich tobte kurz ins Bad. „Erzähl mir noch mal dein Gedicht. Onkel Max ist wohl völlig ausgerastet, hab ich von meiner Mutter gehört“, forderte er mich auf. Natürlich stellte ich mich gleich in Positur. „Du solltest Schriftsteller werden, so etwas kann nicht mal ich mir ausdenken und das reimt sich auch noch alles.“ Hubis Blick verriet Bewunderung. „Es ist nicht ganz okay. Unser Deutschlehrer hat es noch mal auseinandergenommen und uns die Versmaße erklärt.“ „Trotzdem, für einen Zwölfjährigen eine Meisterleistung. Zeig mal deinen neuen Reitpokal.“ Ich holte ihn und einen zweiten, den ich vor drei Wochen gewonnen hatte. „Hier, dass ist der E-Pokal von unserem Turnier und dieser ist aus Siebenstetten, auch Pony E Stil. Zweimal 8,8. Was sagste?“ „Super, ich bin dreimal im L gestartet. Wurde aber nie platziert. Mein Pferd hat ‘ne Menge Kleinholz hinterlassen.“

Die Tür ging plötzlich auf. Mia stand im Zimmer. „Ach, hätte ich es mir denken können. Ihr zwei Spitzbuben. Herr Hubertus, Sie sind kein Kind mehr, also, ich sehe Sie jetzt schon als jungen Mann an. Lassen Sie sich bitte nicht von Max zu Blödsinn verleiten“, sagte sie und setzte nach: „Die Frau Gräfin bittet euch beide herunter zukommen, vor allem Max. Einige Gäste haben Süßigkeiten für ihn dabei. Hast du gar nicht verdient!“ Ich sprang auf. „Hab ich immer verdient. Ich bin der bravste Junge der Welt.“ Mia tat, als wenn sie sich verschluckte. Wir ordneten unsere Kleidung und liefen runter in die Empfangshalle. Mutter kam gleich auf mich zu und musterte meinen Anzug mit kritischem Blick. Ihr entging nichts. „Komm, der Bürgermeister will dir guten Tag sagen und da sind noch mehr Leute, die du kennen lernen musst.“ Ich setzte mein artigstes Gesicht auf. Nach einer halben Stunde Smalltalk besaß ich so viel Naschis, dass ich einen Süßwarenladen damit hätte eröffnen können. Die Nacht mit Hubertus im Zelt war gerettet. Ich musste nur noch ein paar Flaschen Cola organisieren und überlegte, wie ich an etwas Schnaps kommen konnte. Die Getränke wurden von Dietrich und seinem jungen Kollegen Fritz ausgeschenkt. Die passten mit Argusaugen auf, dass ich nicht etwas Hochprozentiges klaute. Sogar das Bier war tabu. Um 19 Uhr saßen alle auf ihren Plätzen. Ich war zwischen Vater und Mutter an die Spitze der Tafel platziert worden und hatte somit keine Chance an Blödsinn und Streiche nur zu denken. Hubertus saß neben seinem Vater und auch Beatrix, die inzwischen angekommen war, musste neben ihrer Mutter sitzen. Einen Kindertisch, wie früher, gab es nicht. Ich war allerdings von meiner Mutter instruiert worden, eine kleine Laudatio auf meinen Vater zu halten, um mich auf diese Weise auch den Geschäftspartnern und Honoratioren der Gemeinde als Erben vorzustellen. Mutter berührte unauffällig meine Hand und schlug mit dem Löffel an ihr Glas. Augenblicklich wurde es mucksmäuschenstill im Festsaal. Ich stand auf, wandte mich meinem Vater zu und sagte, frei und ohne ablesen zu müssen, meinen Text auf. Dann gratulierte ich ihm und nahm mein Glas mit Apfelsaft in die Hand, bat die Anwesenden auch aufzustehen, was die meisten allerdings von selbst taten und als ich Happy Birthday anstimmte, brauchte ich mich nicht weiter zu bemühen. Die Erwachsenen wussten, was sich gehörte, sangen auch Strophen, die ich noch gar nicht kannte und die meinen Vater zum Schmunzeln brachten. Den Applaus konnte ich für mich einheimsen. Vater hob hervor, dass er vor Stolz gleich platzen würde. Gottseidank, dann hatte er die Urlaubsstreiche ja wohl endgültig alle vergessen. Im Laufe des Abends gab es immer wieder Vorführungen und Gratulationen. Auch Beatrix brachte ein Geschenk und sagte ein Gedicht auf. Hinterher gab sie noch eines ihrer Liedchen zum Besten. Sie vermied es allerdings, mich dabei anzusehen, denn meine Lippen formten bereits den Spruch, den ich nur für sie gedichtet hatte. Sie kam mir später zuvor. Als der offizielle Teil vorbei war und auch die Ehrentänze stattgefunden hatten, konnten wir uns leger unters Volk mischen. Hubertus nahm sie in die Arme und gab ihr einen Kuss. Dann hielt sie mir ihre Wange hin. Ich schmatzte ihr die Lippen drauf und wollte gerade leise meinen Spruch loslassen, da knuffte sie mir schon in den Magen. „Heute ärgerst du mich nicht, du ärgerst mich ab sofort überhaupt nicht mehr. Meine Mama hat mich nämlich auch zum Taekwondo angemeldet“, gab mir meine kleine Cousine keck zu verstehen. Oh, das waren Neuigkeiten. „Ihr bleibt ja noch ein paar Tage, dann trainiere ich dich und zeig dir ein paar schöne Tritte. Also, das heißt dann Frieden auf ewig zwischen uns!“ Beatrix schlug in meine Hand. „Frieden, und wenn du Blödsinn machen willst, sag Bescheid. Ich bin jetzt alt genug für Streiche.“ Hubertus hatte alles mitbekommen. „Schön, ihr zwei, dann wird die Tradition der Raubritter von Wildenstein ja fortgesetzt. Ich bin nun leider etwas zu alt und muss mich wie ein Erwachsener benehmen. Aber ihr beide werdet das schon machen.“ „Max“, meine Mutter zog mich mit sich. „Das ist Frau Baronin Schönefels. Sie ist Eventmanagerin und ich möchte dich ihr vorstellen.“ „Max von Wildenstein, guten Abend, Baronin.“ Ich gab ihr die Hand und verbeugte mich, wie es sich für einen jungen Grafen gehörte. Irgendwie fand ich gar nichts mehr dabei. Es war beileibe keine Dressur. Wenn ich nicht gewollt hätte, hätte sich meine Mutter auf den Kopf stellen und die Zähne ausbeißen können. Das wusste sie auch. Nein, ich fand unsere Festlichkeiten einfach nur schön und begann, die alten Traditionen und das Standesverhalten gerne zu pflegen. Allerdings nur in der männlichen Rolle. „Na, das nenne ich aber galant. Du bist ja bereits ein richtiger Charmeur. Kannst du auch schon tanzen?“, fragte sie. Das machte mich etwas verlegen. „Nein, leider nicht. Aber ich denke, meine Mutter wird mich sicher bald zum Tanzkursus in der Stadt anmelden. Ich werde demnächst dreizehn Jahre alt. Einige Mädchen in meiner Klasse sind schon dabei. Jungen, die nicht auf einem Schloss leben, halten in der Regel nicht so viel davon. Ich spiele auch Fußball und reite sehr gut. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen die Ställe und mein Pony.“ So, die hatte ich um den Finger gewickelt und meine Mutter schien genau wie mein Vater vorhin bei der Tischrede, gleich vor Stolz und Überraschung zu platzen. Auf diese Weise hatte ich einige Pluspunkte eingeheimst und war auf der sicheren Seite. Man konnte nie wissen, wofür so etwas gut war. Ich gehörte ja nicht gerade zu den Unschuldslämmern. Die Baronin schien begeistert. „Gerne, ich reite auch. Allerdings Dressur und ich war ein paarmal bei den Deutschen Meisterschaften dabei. Ein guter Freund von mir managt das Internationale Turnier in Aachen. Warst du schon einmal da?“ Hui, die hatte tatsächlich Ahnung und war mir sofort sympathisch. „Nein, aber das wäre natürlich mal im Herbst ein schöner Ausflug. Da muss ich mit meinem Vater sprechen. Er sucht auch die Turniere für uns aus und hat mir versprochen, dass wir irgendwann nach Hamburg zum Derby fahren. Ich muss dort immer zum Arzt.“ Ich zeigte ihr den Weg über einen Verbindungsgang vom Schlossgebäude zum Stall. „Gibt es hier auch richtige Geheimgänge?“, fragte sie. „Du darfst übrigens Maren zu mir sagen. Reiter sollten sich duzen.“ „Schön, ja, es gibt mehrere Geheimgänge. Einige davon kenne ich, aber zwei sind nur auf der Karte eingezeichnet und nicht mehr zu finden. Die ursprüngliche Burg ist im achtzehnten Jahrhundert abgebrannt und beim Wiederaufbau hat man sie sicherlich zugeschüttet. Wir haben auch zwei Schlossgespenster. Aber du bleibst ja heute Nacht nicht hier, sonst könntest du sie kennen lernen.“ „Oh, wie schade. Ich schlafe im Hotel, weil ich morgen früh ganz schnell nach Düsseldorf muss. Ich richte Sport- und Musicalevents aus. In Hamburg betreue ich den König der Löwen. Soll ich euch Karten besorgen?“ Wir waren vor Chesters Box angekommen. „Ja, das wäre toll. Und hier ist Chester, mein bester Freund.“ Whow, da hatte sich das gute Benehmen mal gelohnt. Wenn wir eine Nacht in Hamburg blieben, könnten wir den nächsten Termin bei Herrn Reimers dazu nutzen. Maren entpuppte sich wirklich als ganz Nette. Sie erklärte mir die Hilfen bei verschiedenen Dressuraufgaben, aber Chester war zur hohen Schule nicht zu bewegen. Solange er springen konnte, machte er willig mit. Dressur war nicht sein Ding. Ich überlegte, wie alt Maren wohl war. Sie sah jünger aus als meine Mutter und die hatte im letzten Jahr ihren fünfundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Daran erinnerte ich mich noch sehr gut. Mir war nämlich der volle Bowlentopf vom Tisch gefallen, als ich heimlich versucht hatte, mir ein Glas davon einzuschenken. Das war vielleicht ein Aufstand gewesen. Nach dem Rundgang verabschiedete ich mich von Maren. Es wurde mittlerweile elf Uhr. Ich spürte meine Müdigkeit und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. Vater kam und brachte mich noch zu zwei Geschäftspartnern und stellte mich auch einem Politiker vor, der im bayerischen Landtag saß. Dann fragte er, ob ich mich verabschieden wollte. Ich bejahte und wurde mit großem Applaus und vielen Gutenachtwünschen ins Bett geschickt. Beatrix lag schon im Tiefschlaf im Nebenzimmer, als ich mich bei mir auszog.

Einen Moment später kam Hubertus ‘rauf. Er hatte zwei Flaschen Bier dabei und grinste. „Es geht doch nichts über ein schönes Wildensteiner Pils“, lachte er und schob mir eine Flasche unters Zelt. „Ich putz nur schnell Zähne, Hubi, dann erzählst du mir von Mädchen. Darüber weiß ich nämlich noch gar nichts oder besser gesagt, nicht viel“, sagte ich. Ich fühlte mich wie ein Mann, als wir unsere Bierflaschen aneinanderschlugen. Der bittere Biergeschmack begann mir langsam zu gefallen. Ich hatte bereits klamm heimlich ein paar Flaschen für meine Kumpels und mich aus unserer Brauerei gestiebitzt. Leise erzählte ich Hubertus von dem alten Bootshaus am See, in dem wir uns immer trafen, wenn wir etwas aushecken wollten. Meine erste Zigarette hatte ich dort auch schon geraucht. Wir beschlossen, morgen im Lauf des Tages hinzugehen und Vaters alter Segeljolle einen Besuch abzustatten. Als ich Hubertus nach seinen Erfahrungen mit Mädchen fragte, zeigte er mir seine neue Freundin auf dem Handyfoto. „Habt ihr schon geknutscht und was mehr?“ Hubi grinste und trank sein Bier in einem Zug aus. Er nahm meinen Laptop und gab mir sein Passwort für eine Website, auf der er sich angemeldet hatte. Staunend sah ich die nackten Frauen und Männer und wusste, ich würde von nun an jeden Abend eine Menge zu tun haben. Aber die erste richtige Aufklärungsstunde als Junge konnte nicht besser gelaufen sein. Bei Männern funktionierte das einfach anders. Da nahm der Vater den Sohn in der Regel erst dann zur Seite, wenn der durch Freunde, ältere Brüder oder Vettern, bereits informiert war und im Grunde mehr wusste, als der Vater. Es wurde ein toller Abend und eine ebensolche Nacht. Das Bier machte müde und irgendwann schlief ich leicht benebelt ein. Mia weckte uns am nächsten Morgen und fand… die Bierflaschen. Ich sah sie entsetzt an. Sie verzog das Gesicht, sammelte die beiden Flaschen ein und drohte mir einmal mit dem Finger. Ich wusste, sie würde dicht halten. Auf Mia war Verlass. Nach dem Frühstück, das die ganze Familie, allen voran meine Eltern, aufgekratzt am großen Tisch genoss, verzog ich mich mit Hubertus in den Wald. Auf meine SMS kamen Andy und noch drei weitere Freunde aus dem Dorf sowie Jacob, Mario und die zwei ältesten Jungen von Dietrich, die schon fünfzehn und siebzehn Jahre alt waren, zum Bootshaus. Die beiden Großen hatten Rucksäcke dabei und holten Bierdosen heraus. Hubertus gab mir etwas ab und auch die anderen teilten. Es war ein grandioses Gefühl, als Junge mit den anderen Jungen, vor allem mit den Älteren, hier zu sitzen und ihnen zuzuhören. Sie erzählten von Frauen und wie sie es mit den Mädchen trieben. Andys Augen quollen fast über. Ich überlegte später, ob die drei großen Jungs uns nicht einen Bären aufgebunden hatten. Konnte das alles wahr sein? Im Internet hatte ich am Abend zuvor ja gesehen, wie Sex ablief und ob die Erzählungen wirklich selbst erlebt waren, da kamen mir doch echte Zweifel. Jacob fragte Hubertus, wie lang ein Penis sein musste. Einen Augenblick später hatten alle ihre Schniedel draußen und fingen an, sie mit einem alten Lineal zu messen. Ich saß etwas abgeschlagen und neidisch daneben. Mit so etwas Schönem konnte ich nicht aufwarten. „Keine Sorge, Max. Das wird bei dir noch. Wenn du erst operiert bist, hast du auch einen. Und die bauen das heute so, dass die sogar stehen“, erzählte Martin. Das war ein schwacher Trost für den Augenblick, aber es musste reichen. Ich bedankte mich bei ihm für die aufmunternden Worte. Sie gaben mir zur Entschädigung noch eine Dose Bier extra. Die konnte ich mir als Notration weglegen. Um halb zwölf Uhr beendeten wir unseren Stammtisch. Hubertus und ich machten uns mit Martin und seinem Bruder Chris in Richtung Schloss auf. Unsere Väter hatten ihren Frühschoppen im Weinkeller gehabt und wollten am Nachmittag zur Brauerei runterfahren. Robert sollte alle mit der Kutsche dorthin bringen, damit niemand nach der Verköstigung ins Auto steigen konnte. Zu unserem Besitz gehörten neben dem Schloss und den Wäldern, auch ein Sägebetrieb, eine Brauerei und eine Schnapsbrennerei. Vater hatte alles von meinem Großvater geerbt, der vor meiner Geburt gestorben war. Eines Tages sollte ich das Familienimperium übernehmen. Wenn ich Zeit hatte, begleitete ich meinen Vater zu Horst, dem Braumeister. Beim Probieren schlürfte man das Getränk in den Mund, spuckte aber danach alles wieder aus. Was für eine Verschwendung. Aber das gehörte sich so. Hubertus und ich saßen am frühen Nachmittag schon bei Robert auf dem Kutschbock. Beatrix kam angerannt und ich zog sie auf meinen Schoß. Unser Familienanhang und zwei Geschäftspartner und weitere Bekannte meines Vaters tummelten sich alsbald auf dem Kutschwagen. Meine Mutter war zu Hause geblieben. Sie wollte die Kaffeetafel herrichten und machte sich nichts aus dem schrecklichen Gelage, wie sie sich immer ausdrückte. Vater erklärte ihr dann stets, dass die Brennerei und die Brauerei unseren Lebensunterhalt absicherten und sie schwieg daraufhin. Allerdings sah sie heute missbilligend, dass ich ebenfalls auf der Kutsche saß. Vater sollte unbedingt auf mich aufpassen. Er versprach es und ich versprach ihm im Stillen, dass er es nicht schaffen würde. Ich wollte nach Möglichkeiten Ausschau halten, an Trinkbares heranzukommen. Nicht für mich. Der Doppelkorn hatte viel Alkohol und schon der Geruch löste Übelkeit bei mir aus. Um den gut zu finden, musste ich wirklich noch älter werden. Aber für Streiche war es nicht schlecht, eine geheime Quelle zu haben. Außerdem gab es viele Leute, die man damit schmieren konnte. Dass das nicht in Ordnung war, wusste ich. Aber der Laden würde mir ja irgendwann sowieso gehören. Warum sollte ich mir nicht jetzt schon von Zeit zu Zeit etwas abzweigen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot? Dass meine Unbekümmertheit fast ein Menschenleben ruinieren sollte, ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Sonst hätte ich mich sicher eines Besseren besonnen. Der Nachmittag war für unsere Gäste nicht nur von der alkoholischen Seite der Höhepunkt ihres Besuchs bei uns. Auch die Interessierten, die sich bei Schnaps und Bier zurückhielten, kamen voll auf ihre Kosten. Die Braumeister aus beiden Betrieben erklärten haargenau, wie aus Hopfen, Malz und Wasser Bier entstand und wie man aus Kartoffeln Schnaps herstellte. Ich wurde bei jedem Vortrag klüger und konnte sogar schon selbst einiges dazu erzählen. Beatrix und ich bekamen nur Brause, aber ich hatte während der Führung heraus gefunden, wonach ich suchte und war mir sicher, unbemerkt an Hochprozentiges kommen zu können, wenn ich es denn wollte. Der Tag hatte sich gelohnt. Zumal sich Hubertus mit ein paar Bierflaschen im Rucksack eindeckte und ich wusste, dass wir diese heute Abend im Zelt trinken würden, um uns auf den Laptop einzustimmen, auf dem wir uns sehr interessante Dinge anschauen konnten. Leider überraschte uns meine Mutter bei unserer Rückkehr mit der freudigen Nachricht, dass sich Tante Alexa bereit erklärt hatte, etwas aus ihrem Opernrepertoire zum Besten zu geben. An Abhauen war also für Hubertus und mich vorerst nicht zu denken. Wir mussten uns notgedrungen einige Arien anhören. Hubertus hatte Glück, denn er durfte offiziell schon Wein und Bier trinken. Aus harten Sachen machte auch er sich nichts. Allenfalls in Verbindung mit Cola, die Beatrix und ich erhielten, wobei meine kleine Cousine auch viele Säfte von ihrer Mutter bekam. Die wären gesünder als Cola, meinte Tante Alexa. Einige Erwachsene erklärten, dass auch Bier gesund für die Nieren wäre. Die Diskussion wurde lautstark den halben Abend geführt und immer leidenschaftlicher, je mehr Bier floss. Irgendwann witterten Hubertus und ich unsere Chance. Beatrix half uns ungewollt. Sie wurde sehr müde und musste um halb zehn Uhr ins Bett gebracht werden. Hubi und ich begleiteten sie und schlichen uns danach in mein Zimmer. Er zeigte mir, wie ich auf dem Laptop die verbotene Seite durchblättern konnte. Es gab nicht nur Männer und Frauen, die sich miteinander amüsierten, da trieben es auch Männer mit Männern und Frauen mit Frauen. War das interessant. Ich spürte ein nicht zu identifizierendes Verlangen, beim Betrachten der Videos. Mädchen waren hübsch, aber ich mochte auch die Jungen. Am übernächsten Morgen war der schöne Spuk Geschichte, um halb Eins fuhren die letzten Gäste nach Hause. Ich drückte Hubertus zum Abschied. Er versprach, in den Sommerferien, vor seinem Studium, ein paar Tage Urlaub bei uns zu machen. Auch Beatrix musste wieder mit ihren Eltern zurück. Einzig Oma blieb. Sie hatte zwei Wochen Ferien bei uns eingeplant und wollte mal wieder richtig mit Mum quatschen. Toll. Ich hatte in den letzten zwei Tagen kaum Zeit für Oma gehabt und freute mich auf ihre Geschichten.

Sie nahm mich an die Hand. Wir gingen wieder ins Haus, nachdem das Auto mit Beatrix den Schlosshof verlassen hatte. „So, Maxi, jetzt wollen wir beide es uns gemütlich machen. Aber erst einmal helfen wir der Mama, alles in Ordnung zu bringen.“ Mia, meine Mutter und die Köchin packten in der Küche Speisen und Getränke ein, um sie in die Gefriertruhen und Speisekammern zu lagern. Der Festsaal musste aufgeräumt werden und ich trug Stühle in die oberen Räume und half Dietrich, die Tische wieder ordentlich zusammenzuschieben. Am Nachmittag saßen wir alle im Wohnzimmer. Der Kuchen schmeckte jetzt am nächsten Tag noch viel besser und ich langte ordentlich zu. „Max“, fragte Oma. „Willst du wirklich wie ein Junge leben? Hast du keine Angst vor der Operation, das wird doch bestimmt wehtun?“ Ich schüttelte energisch den Kopf. „Nein, Oma, ich hab gar keine Angst. Ich bekomme ja auch eine Narkose und selbst, wenn nach der Operation noch Schmerzen da sind, will ich die gerne aushalten. Ich bin ein Junge und ich möchte auch so leben und von anderen Menschen wie ein Junge behandelt werden.“ Oma seufzte tief. „Was es heute alles gibt. Das war zu meiner Zeit nicht möglich, Adelheid. Damals wären solche Kinder weg gekommen und man hätte nie wieder etwas von ihnen gehört. Weißt du, Max, wir mussten noch gehorchen. Unsere Eltern waren sehr streng und die Regierung auch.“ Ich hing an Omas Lippen. Wir hatten gerade in der Schule vom zweiten Weltkrieg und von Hitler gehört. Da waren viele furchtbare Sachen passiert. „Unser Lehrer hat berichtet, dass sie die Juden umgebracht haben“, konnte ich deshalb erzählen. Oma nickte sehr traurig. „Nicht nur die, mein Kind. Alle, die nicht ins Regime passten, kamen in Konzentrationslager und wurden dort gequält und getötet. Wenn ich es so bedenke, ist es gut, dass wir den Krieg verloren haben. Nur, unser schönes Schloss ist natürlich auch weg. Weißt du, als ich so alt war wie du, da sind wir…“ Ich hörte Oma zu und legte mich lang aufs Sofa. Mum schmunzelte. Sie nahm ihr Strickzeug in die Hand. Draußen hatte es zu schneien angefangen und hier bei uns knisterte ein helles flackerndes Feuer im Kamin. Oma erzählte und erzählte. Irgendwann schlummerte ich vor mich hin und träumte von Ostpreußen, von den masurischen Seen und von Pferdeschlitten. Omas Gut muss riesig gewesen sein. Tante Alexa wollte mit ihr dorthin fahren. Es war ja seit langem möglich. Aber Oma lehnte immer ab. Sie wollte ihr zuhause in Erinnerung behalten, wie es damals war, als sie Hals über Kopf mit dem Pferdewagen fliehen musste. Es war sehr kalt gewesen im Winter 1945. Ich malte mir aus, wie ich mich fühlen würde, wenn Mama plötzlich käme und mich ins Auto packte und wir unser Schloss für immer verlassen müssten. Oma tat mir unendlich leid. Und ich beschloss, was ich ohnehin stets tat, sehr brav bei ihr zu sein. Wie werde ich einmal denken, wenn ich fast neunzig Jahre alt bin?, fragte ich mich. In den nächsten Tagen zog der Winter wieder ins Land. Robert brachte mich mit dem Pferdeschlitten zur Bushaltestelle. Auf dem Weg dorthin hielten wir am Försterhaus an und nahmen Jacob und Mario mit. Der Schlossteich war zugefroren. Papa erlaubte uns darauf Schlittschuh zu laufen und er kam oft am Nachmittag und spielte mit uns und den Stallburschen Eishockey. Die Großen tranken dann Glühwein, den Mia ihnen aufs Eis brachte und wir Kinder bekamen heißen Kakao. Ende der Woche hieß es im Wetterbericht, es würde noch mehr Schnee fallen. Das konnte uns nur recht sein. Bislang schaffte es der Schulbus nämlich immer noch, aber am Montag kam die erlösende Nachricht durchs Radio: Endlich schneefrei! Zwar blieb dabei auch das Fußballhallentraining auf der Strecke und zum Kampfsport konnte ich ebenfalls nicht kommen, aber die Reitstunden fanden in unserer eigenen Reithalle statt und liefen wie gewohnt weiter. Mit Jacob und Mario baute ich Unmengen Schneemänner in den Schlosshof. Anfang März war das herrliche Wetter allerdings vorbei und alles normalisierte sich, nachdem der Schnee weggetaut war. Wir bereiteten uns mit dem Pfarrer auf unsere Firmung vor. Sie sollte am 2. Mai stattfinden. Der Pfarrer war eigentlich ganz okay. Er bestand zwar auf Anwesenheitspflicht und wir mussten regelmäßig am Sonntag zur Messe und in die Beichte kommen, doch der Unterricht war nicht so schlimm, wie bei Pfarrer Lüders. Ich musste oft als Messdiener helfen und hatte mich dafür mit Andy zusammengetan. Der neue Pfarrer war ja mit seiner Haushälterin, einer ältlichen dicken Frau namens Mathilde, ins Pfarrhaus eingezogen. Mathilde kochte sehr gut und wir beobachteten sie, wenn sie in die Kirche ging und aus dem Schrank, in dem der Messwein aufbewahrt wurde, die angebrochenen Flaschen herausnahm. Sie kippte das meiste davon in das Essen für den Pfarrer, aber sie trank auch immer ein Gläschen beim Kochen. Andy und ich waren uns einig. Da musste etwas getan werden. Der Weinschrank stand offen, so kamen wir ungehindert daran. Ich hatte eine Idee. Die gute Mathilde sollte merken, welche Wirkung Wein haben konnte. Es war ganz einfach. Ich fuhr in die Schnapsbrennerei und tat so, als wenn ich meinen Vater suchte. Außerdem kümmerte sich dort eh niemand um mich, ich war ja der Junior. Manchmal gingen Flaschen kaputt und der Schnaps wurde in einem gesonderten Bottich zur Vernichtung aufbewahrt. Die Frauen, die an der Abfüllmaschine standen, durften nicht raus. Das hatte steuerliche Gründe, denn der Schnaps musste vom Zoll mit einer Plombe verschlossen werden. Sie nahmen sich oft eine Wanne davon aus dem Bottich mit in ihren Aufenthaltsraum, der ebenfalls während der Arbeitszeit nur von innen zugänglich war, und badeten ihre Füße darin. Das würde schön kühlen und die Füße gut durchbluten, hörte ich sie oft lachen. Die vollen Wannen blieben nach der Pause einfach im Aufenthaltsraum stehen. Ich hatte mir eine große Brauseflasche mit heller Zitronenlimo eingesteckt und zeigte sie dem Zöllner, als ich ins Innere der Fabrik ging. Auf dem Klo kippte ich den Rest, den ich nicht ausgetrunken hatte, weg. Dann ließ ich die Flasche in der Fußwanne mit Schnaps volllaufen, als die Frauen wieder an ihre Arbeit gegangen waren. Unbekümmert zeigte ich dem Zöllner meine Flasche vor. Der drohte mir mit dem Finger, weil er glaubte, ich wollte ihn veräppeln. Andy wartete schon in der Sakristei auf mich. Schnell präparierten wir die angebrochenen Weinflaschen zusätzlich mit 38 prozentigen Doppelkorn. Am Sonntagmorgen achteten wir darauf, dass nur erwachsene Helfer den Wein in den Kelch für den Pfarrer füllten oder er dies selbst tat. Andy und ich machten uns fast in die Hose als er seelenruhig seinen Wein austrank und wir sahen an seinem Minenspiel, dass es ihm allem Anschein nach mundete. Igitt, da hatten sich die Frauen die Füße drin gebadet. Aber vor allem wurde der Wein dadurch sehr alkoholisch. Der Pfarrer würde sicher gut in die Mittagsstunde gehen. Mathilde nahm die angebrochene Flasche gleich zum Ablöschen ihres Schweinebratens mit. Wir feixten nach der Messe. Das Ganze ging zwei Wochen gut.

Dann passierte ein Unglück, dass mich sehr nachdenklich stimmte und mir die Freude an den Jungenstreichen von Max und Moritz, mit denen Andy und ich uns gerne identifizierten, abrupt nahm. Der Pfarrer hatte die Messe erfolgreich hinter sich gebracht, den köstlichen Fußwein genossen und noch eine Ladung Alkohol zusätzlich mit der Soße seines Sonntagsbratens abbekommen. In der Mittagsstunde ging bei ihm das Telefon. Der schwerkranke Altbauer Johann Görges lag im Sterben und verlangte nach dem Pfarrer. Der zögerte nicht lange, packte sich alles ein, was er für das Sterbesakrament brauchte und setzte sich, angetrunken wie er war, ins Auto. Er hatte ja auch nur ein halbes Glas Wein gehabt, glaubte er. Der Hof lag in einem Tal. Die einzige Straße, die hinein führte, war sehr kurvenreich und man konnte nicht schnell fahren. An der Kreuzung zum Nachbargehöft ging es einige Meter den Berg hinunter. Zu Anfang lief alles gut. Der Pfarrer wunderte sich nur, dass seine Fahrweise etwas rasanter als sonst war. An der Kreuzung kam ihm ausgerechnet Florians Vater entgegen. Flo ging in meine Parallelklasse und sein alter Herr benutzte den Weg über die Sackgasse des Stadlerhofes stets als Abkürzung. Er durfte durch den Wald fahren, denn Flos Vater war bei der Polizei in der Kreisstadt. Er kam also mit dem Polizeiauto den Berg hochgeschossen, der Pfarrer von der anderen Seite und beide entschieden sich für den Crash, weil sie nicht abstürzen wollten. Der Pfarrer fuhr allerdings auch viel zu weit links, so dass Flos Vater tatsächlich nicht mehr ausweichen konnte. Als geübter Wachtmeister roch er den Braten sofort. Herr Pfarrer musste pusten und ging mit 1,2 Promille aus der Nummer heraus. Er beteuerte immer wieder, nur ein halbes Glas Wein getrunken zu haben. Aber auch das hatte wohl gereicht. Hätte irgendjemand die leere Weinflasche untersucht, wäre unser Doppelkorn aufgeflogen. Jedoch der Pfarrer gab den Führerschein freiwillig ab, bekam eine Geldstrafe und Fahrverbot für ein paar Monate. Er nahm alles auf sich und Andy und meine Wenigkeit saßen nach dem Vorfall total bedeppert im Bootshaus. Den beiden hätte ja auch etwas passieren können. Wir beendeten natürlich sofort die Aktion Schnaps im Messwein. Ich schlief sehr schlecht in den nächsten Tagen und hatte einen Termin bei Doktor Reimers. Aber ich wollte ihm nichts erzählen. Er merkte, dass ich druckste und fragte nach. Ich sagte ihm, es hätte nichts mit meiner Behandlung zu tun. Meine Eltern bekamen auch etwas mit und Andys ebenfalls. Wir schwiegen. Ich spürte erstmals im Leben Angst vor meinem Vater. Das schlechte Gewissen zog mich in die Kirche. Ich kniete vor meinem alten Kumpel Jesus und fing unvermittelt an zu heulen. Andy kam auch und der Pfarrer ahnte, dass irgendetwas völlig aus dem Ruder gelaufen war. Er brauchte nicht viel sagen und wunderte sich nur, dass Andy und ich gemeinsam zu ihm in den Beichtstuhl wollten. Als wir unser Gewissen erleichtert hatten und ihn mehrfach unter Tränen um Verzeihung baten, heulte auch er. Wir bekamen die Absolution und knieten hinterher alle drei vor dem Kreuz. Der Pfarrer tat etwas total Verrücktes. Er dankte dem Herrn, dass wir so gute Kinder waren. Ich verstand die Welt nicht mehr und Andy schielte ungläubig zu ihm hin. Dann warteten wir auf unsere Buße. Eigentlich wären ein paar Ave Maria oder sogar Rosenkränze fällig gewesen. Aber der Pfarrer hatte eine bessere Idee. Der Pfarrgarten sah wüst aus und musste dringend auf Vordermann gebracht werden. Schon im Hinblick auf unsere Firmung, zu der ja auch der Bischof kommen würde. Allein war das für den Pfarrer nicht mehr zu schaffen. Er fragte, ob wir ihm helfen wollten. Hatten wir eine andere Wahl? In der nächsten Woche trafen wir uns regelmäßig zwei bis drei Stunden am Tag und wühlten uns durch Gestrüpp, schnitten Äste ab, gruben um und legten für Mathilde Gemüsebeete an. Unser Engagement sprach sich im ganzen Dorf schnell herum. Alle fanden lobende Worte für uns. Nur mein Vater und meine Mutter hielten sich zurück. Das Beichtgeheimnis interessierte sie dabei herzlich wenig. Sie ahnten auch so, dass ich etwas Ungewöhnliches angestellt hatte und die freiwillige Hilfe alles andere als das war. Aber sie behielten es für sich. Ich hörte einmal zufällig, wie meine Mutter rätselte und mein Vater antwortete: „Liebling, sei besser froh, dass du es nicht weißt!“ Kurz vor meiner Firmung feierte ich endlich meinen dreizehnten Geburtstag. Hubertus kam natürlich und schenkte mir heimlich einen Kalender fürs Bootshaus. Damit die anderen auch etwas von den nackten Mädchen darauf hatten. Ich bekam zudem ein neues Passwort zu einer noch besseren Website. Was das Thema anging, war ich mit Sicherheit inzwischen mindestens genauso gut informiert wie mein Vater. Wahrscheinlich noch besser. Es gingen nun enorme Veränderungen mit mir vor. Ich wuchs und spürte Schmerzen in der Leiste. Auch sah ich die Welt nicht mehr mit kindlichen Augen. Die Lust an Streichen war Andy und mir ohnehin vergangen. Andy fing plötzlich an zu kieksen. Er kam in den Stimmbruch und erzählte, seine Unterhose wäre am Morgen feucht und klebrig gewesen. Nicht ohne Stolz zeigte er mir die Bescherung. Es brach eine neue spannende Zeit für uns an, in der kein Stein mehr auf dem anderen blieb. Ich erlebte Andys Pubertät mit, litt mit ihm und freute mich, wenn er sich freute. Andy schwärmte für Marlies und die war in Thomas verknallt. Andy wollte sich im Bootshaus ertränken, weil er seine unglückliche Liebe nicht bekam. Ich konnte ihn gerade noch zurückhalten, sich mit voller Kleidung ins Wasser fallen zu lassen. Andy konnte besser schwimmen als ich. Untergegangen wäre er mit Sicherheit nicht und wir hatten zu dem Zeitpunkt bereits Ende Juni. Das Wasser im See besaß schon sehr angenehme Temperaturen. Die anderen zeigten mir im Bootshaus ihre Ständer und wir spielten Spiele, wie sie nur unter Jungen üblich waren. Auch das kommende Jahr brach an, ohne dass ich noch irgendwelchen Blödsinn gemacht hatte. Mit meinem künstlichen Glied konnte ich die darunterliegende Klitoris reiben und hatte mir damit auch zu sehr schönen Orgasmen verholfen. Onanieren gehörte zur Tagesordnung, entweder allein oder im Bootshaus bei den anderen. Mädchen kamen nicht hinein und auch mein Vater, der ahnte, dass wir keine Mickey Mouse Hefte mehr zusammen lasen, ließ sich nicht mehr blicken. Als wir mal zusammen ausritten, erzählte er mir von seinem Freund Hartmut, mit dem er sich dort früher getroffen hatte. Hartmut gab es natürlich immer noch. Er war inzwischen der Vater von Jacob und Mario geworden und arbeitete als Förster für seinen Freund Max. Auch viele Erwachsene aus dem Dorf duzten meinen Vater, denn sie waren zusammen zur Schule gegangen und nicht wenige der Männer gehörten zum harten Kern des Bootshauses. Vater schmunzelte. Der alte Schuppen am See hatte Tradition in unserer Familie und diente den männlichen Nachkommen der Wildensteiner Grafen als Spielplatz in jedem Alter. Vater berichtete, er war später mit Mädchen aus dem Dorf dort gewesen, wie auch seine Freunde. Es gab ein reges sich die Türklinke in die Hand geben. Und er kam nicht nur mit Mädels dorthin. Mehr konnte ich leider nicht herausbekommen, außer, dass Hartmut eine wichtige und sehr pikante Rolle im Leben meines Vaters gespielt haben musste. Aber ich fühlte mich ihm verbunden, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mein Vater wurde für mich nicht nur zur Respektsperson, sondern vor allem zum Vorbild, ich wollte ihm nacheifern, in seine Fußstapfen treten und die Familientraditionen erhalten. Meine Freunde Jacob und Mario überholten mich mit ihrer männlichen Entwicklung. Es war jetzt zum Heulen. Schitt, aber nun mal nicht zu ändern. Ich hatte mir Hanteln besorgt und trainierte meinen Muskelaufbau. Dank des Taekwondotrainings blieb ich allerdings für alle, die nicht Kampfsport betrieben, unangreifbar. Ich war auch ständig weiter gewachsen und konnte mich größenmäßig hervorragend neben die anderen Jungen stellen. Fürs Fußballspielen gaben meine Eltern ihre Einverständniserklärung, damit ich weiterhin bei den Jungen bleiben durfte. Im Übrigen erhielt der Trainer ein Attest über meine transsexuelle Entwicklung, die der an den DFB weiterleitete. Weil ich mit spätestens Achtzehn ohnehin männliche Hormone bekommen würde, sah man dort keine Schwierigkeiten und die anderen Mannschaften, gegen die wir antraten, kannten mich noch aus den Kindertagen.

Alles lief gut und doch, meine Freunde sprachen bereits wie Männer und ich war mit meiner hohen Knabenstimme noch begehrtes Mitglied im Kirchenchor. Der Kantor freute sich riesig, hatte ich doch auch die Musikalität meiner Eltern geerbt und mein Vater war als Kind ebenfalls im Knabenchor gewesen. Ich war Fünfzehn und klagte Doktor Reimers und Frau Michelsen regelmäßig mein Leid. Die Psychologin versuchte mich aufzumuntern und lobte meine Geduld. Doktor Reimers verstand mich und dennoch, er konnte mir noch nicht helfen. Ich sollte froh sein, dass ich auf einem guten Weg war und irgendwann wäre ich Siebzehn. Alle hatten sich gegen mich verschworen. Ich rutschte in eine tiefe Lebenskrise. Ein paar Jahre später erklärte mir Doktor Reimers, in welcher Sorge er gewesen war. Er diagnostizierte eine schwere Depression und stand kurz davor, nachzugeben und mir die erste Testosteronspritze zu verabreichen. Irgendwie bekam ich die Kurve. Ich war von Chester auf ein Großpferd umgestiegen und wurde wegen meiner Siege mit Milla nach Warendorf zur Sichtung eingeladen. War das ein Erlebnis! Wir wurden von den besten Reitern Deutschlands ausgebildet und wie Profis behandelt. Mein Selbstwertgefühl schraubte sich geradezu in astronomische Höhen und als ich Milla am Nachmittag absattelte, sah ich sie. Wir standen uns Auge in Auge gegenüber. Jeder hatte sein Zaumzeug in den Händen und ich ließ sie zuerst an den Wasserhahn. „Ich bin Jenny“, sagte sie und ich wurde rot im Gesicht. „Maxi, Maximilian“, konnte ich gerade noch stottern. Wir trafen uns während des Lehrgangs öfter und ich lud sie auf ein Eis ein. Die eine Woche verging wie im Flug. Sie kam aus Lübeck und ich lebte 180 km entfernt von München. Wie sollten wir da jemals näher zueinander finden? Wir tauschten die Handynummern und Mailadressen. Zum Abschied küsste ich sie. Zuhause saß ich mit Andy im Bootshaus und schwärmte von meiner Flamme. Er hatte auch ein Date gehabt, aber als er mit ihr schlafen wollte, da war bei ihm alles vorbei gewesen. Er schämte sich vor dem Mädchen. Ich nahm ihn tröstend in die Arme. „Eh, das passiert. Sieh mich an. Ich kann ihr noch nicht einmal sagen, dass ich kein richtiger Kerl bin und ob ich je mit ihr ins Bett komme“, erklärte ich. Andy tat mir genauso leid, wie ich mir selbst. Er lag wie ein Häufchen Elend neben mir. Ich streichelte sein Gesicht und was dann kam, hätte ich nie für möglich gehalten, andererseits spürte ich plötzlich ein Glücksgefühl, wie lange nicht mehr. Es passierte kurz nach unserem sechzehnten Geburtstag. Andy und ich schliefen das erste Mal miteinander. Er nahm mich und ich ließ es einfach geschehen. Ich versank in einem Meer von Zuneigung und Liebe, küsste ihn zärtlich auf den Mund, ließ mich hoch hinaus in die Wolken tragen. War ich nun schwul oder hetero oder beides, ich wusste es nicht mehr. Es war mir auch völlig egal. Andys Küsse brannten auf meinen Lippen und lösten ein Feuer aus, dass ich selbst nie würde löschen können und auch gar nicht mehr löschen wollte. „Max, ich liebe dich. Wahrscheinlich bin ich schwul. Ich hab nichts dagegen, wenn du mal ein Mädchen hast, aber einen anderen Jungen würde ich dir nie verzeihen“, schmuste Andy ernsthaft neben mir und küsste mich immer wieder. „Eh, das war geil, was du da eben mit mir gemacht hast. Du wirst immer mein bester Freund bleiben.“ Ich meinte es ehrlich. „Versprich es mir, so wie früher.“ Er spielte auf unsere Spiele an, als wir uns mit dem Messer kleine Schnitte bei gebracht hatten um Blutsbrüder zu werden. Ich lachte und tat ihm den Gefallen. Wir legten die Innenseiten unserer Hände aneinander und unser Blut mischte sich. Jenny schrieb mir regelmäßig. Sie liebte ich auch. Dann erzählte sie, dass sie mit einer Freundin geschmust hätte und sie großen Gefallen daran hatte. Ich schrieb zurück, dass es mir nicht anders ging und ich auch schwul wäre, genauso wie sie lesbisch. Aber das würde an uns nichts ändern. Ich wollte Farbe bekennen und ihr die Wahrheit über mich sagen. In München sprach ich Frau Michelsen darauf an. Nach dem Termin fühlte ich mich noch verwirrter und wusste gar nichts mehr. Jenny konnte zwischen den Zeilen lesen. Ich sagte es ihr am Telefon. „Hey, das ist doch nicht schlimm. Und du wirst mit Achtzehn operiert? Das ist geil.“ Sie fand nichts dabei. „Ich hab dich immer als Jungen gesehen. Du bist garantiert kein Mädchen.“ Schön, dass sie es so sah. Ich hatte bisher noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Allerdings gab es die auch bei Jungen seltener, las ich im Internet. Ich war einige Tage später auf Einladung von Doktor Reimers ein Wochenende in Hamburg geblieben und sollte an einem Treffen seiner transsexuellen Kids teilnehmen. Wir wohnten in einem Jugendhotel. Dr. Reimers leitete das Seminar. Es gehörten elf Jugendliche zwischen dreizehn und achtzehn Jahren zur Gruppe, neun Mädchen und nur zwei Jungen. Mit dem anderen verstand ich mich auf Anhieb und teilte mir mit ihm gleich das Zimmer. Er hieß Rene, war gerade mal Sechzehn wie ich, und erzählte, er wäre vor zwei Jahren von seiner Mutter zu Doktor Reimers gebracht worden. Sie hatte zwar schon im Kindesalter gemerkt, dass bei ihm in geschlechtlicher Hinsicht etwas nicht stimmte, sich aber erst Sorgen gemacht, als er in die Pubertät kam und völlig verzweifelt versuchte, sich das Leben zu nehmen. Entsetzt hörte ich ihm zu und sah fassungslos auf die zwei Narben an seinen Handgelenken. Rene wollte sich damals die Pulsadern aufschneiden.