Manuel Magiera Hörnum (Kindheitserinnerungen)

 

Wer auf der Nordseeinsel Sylt wohnt, lebt an einem Ort, an dem andere Leute Urlaub machen. Ich kam bereits 1958 als zweijähriges Kind nach Hörnum, denn Vater war Zollbeamter von Beruf und aus Lübeck dorthin versetzt worden. Für meine Oma und meine Mutter muss beim ersten Anblick unseres neuen Domizils eine Welt zusammengebrochen sein. Der Unterschied zu ihrem bisherigen Leben in der Großstadt Lübeck konnte gar nicht extremer ausfallen. Sprachlos und schockiert entstiegen die beiden der schnaufenden Inselbahn, welche bei den Eingeborenen nur die "rasende Emma" hieß. Sie blickten erst nach links und dann nach rechts. Überall war nichts als Sand, Dünen und auch dahinter befanden sich im Sand noch mehr Dünen aus dem selbigen. Auf einer dieser monströsen Erhebungen stand dann, dem Wattenmeer zugewandt, ein rot-weiß gestreifter Leuchtturm! Und irgendwann spazierte sogar ein einsamer einzelner Mensch, der sich trotz des eisigen Wintersturms vorwitzig nach draußen gewagt hatte, vor ihren Augen die Straße entlang. Entsetzt sahen sich die beiden an und sprachen ernsthaft von Sibirien und Walachei. Wir bezogen im ‚Blanken Tälchen‘ in einer speziell für Zollbeamte angelegten Siedlung, welche aus drei einzelnen Gebäuden zu je zwei Wohnungen bestand, eine relativ große Haushälfte. Das Schönste daran war der Keller, denn der war so riesig, dass ich nicht nur Hinkepott dort unten spielen konnte, sondern auch im Winter Rollschuh lief. Er bestand aus drei großen Räumen und einem noch größeren Flur. Im Kohlenkeller stapelten sich die Briketts und Eierkohlen für die Feuerung. Es war jedes Mal ein Fest, wenn der Kohlenwagen kam. Die Briketts mussten ordentlich aufeinandergelegt werden und diese Arbeit beanspruchte für mehrere Tage meine gesamte Aufmerksamkeit und Energie. Dass ich dabei auch regelmäßig wie der Kohlenmann aussah, konnte mich von meiner ehrenvollen Aufgabe nie abhalten.

In der Waschküche stand ein großer Wäschebottich. Meine Mutter rubbelte die Wäsche auf ihrem Waschbrett und ich rubbelte auf einem Kleinen emsig mit. Meine Mama träumte dabei immer laut von einer vollautomatischen Waschmaschine, die es damals zwar schon gab, aber leider noch zu einem unerschwinglichen Preis. Gebadet wurde ich allerdings oben in der Küche. Eine blecherne Wanne wurde mit warmem Wasser gefüllt, welches auf dem mit Holz und Kohle befeuerten Küchenherd erhitzt worden war. Dann kam Mutter mit Kernseife und irgendwie schaffte sie es immer, aus mir wieder ein halbwegs menschlich ausschauendes Wesen zu machen. Die Wohnung hatte neben dem Keller noch zwei Stockwerke und einen Dachboden, welchen wir im Sommer als Schlafstatt nutzten, wenn alle anderen Zimmer an Sommergäste vermietet waren. Anfangs schlief ich noch unten im sogenannten Esszimmer mit Oma. Sie starb als ich vier Jahre alt war, aber davon später. Das Wohnzimmer daneben durfte ich dann lediglich zu besonderen Anlässen betreten. Das war eigentlich auch nur an Weihnachten der Fall! Im oberen Stockwerk befanden sich das Elternschlafzimmer, das Zimmer meines zwölf Jahre älteren Bruders und das Bad nebst einer schneeweißen Badewanne. Natürlich musste der Ofen mit dem Wasserboiler darüber erst befeuert und angeheizt werden, bevor man die Wanne nutzen konnte und aus dem Wasserhahn kam natürlich zu dieser Zeit nur fließend kaltes Wasser. (Was allerdings damals bereits einen ungeahnten Luxus darstellte, da viele Leute zu Hause noch ein Plumpsklo auf dem Hof ihr Eigen nannten.) Die einzige Toilette im Haus erreichte man, wenn man die Treppe wieder ein Stück hinunterging. Den Dachboden bauten meine Eltern für die Sommerzeit aus. Dort schliefen wir, während unsere Sommergäste die anderen drei Zimmer nutzten. Interessant wurde es jedes Mal, wenn sich jemand im Bad wusch. Die Tür zum Boden öffnete sich nämlich nur dorthin und ich musste immer mit meiner Mutter warten und ganz leise sein, bis der Gast das Bad wieder verlassen hatte. Natürlich wussten die das nicht und meine Mutter kam immer ins Schwitzen, wenn sie mich morgens nach unten holen musste. Vor dem Haus wuchsen Heckenrosen. Etwas anderes konnte auf dem Sandboden auch nur schwerlich gedeihen. Das übrige Grundstück ist eigentlich recht groß gewesen. Neben dem Haus hatten mir meine Eltern eine schöne von drei hohen Sandwällen umsäumte Sandkiste eingerichtet, in der ich fast nie spielte, weil es außerhalb des elterlichen Grundstücks ja viel aufregender zuging. Die Wallkrone wurde von Mama mit unzähligen Mittagsblumen bepflanzt. Die gediehen dort allerdings auch prächtig. Mutter und die Nachbarin legten sich in mühevoller Kleinarbeit vor dem Haus einen kleinen Blumengarten an und jubelten jeden Morgen über die schönen Tulpen, die zu ziehen ihnen gelungen war. Ich fand die Blumen auch toll und pflückte sie dann sogleich ab. Die Nachbarin kam mit Tränen in den Augen zu uns herüber und ich konnte gar nicht fassen, warum meine Mama über den schönen Blumenstrauß, den ich ihr geschenkt hatte, so traurig war. Ich durfte dann nur noch Blumen auf den vielen Wiesen rings umher pflücken. Außerdem erzählte meine Mutter der Nachbarin von einem Trick: Ich wollte nicht immer alles essen und dann wurde mein Teller einfach für die Katze, die wir gar nicht hatten, in den Flur gestellt. Ich durfte also nicht mehr essen und tat dann zu Mutters Freude stets genau das Gegenteil. So erklärte sie der Nachbarin, sie solle mir doch beim nächsten Mal das Blumen pflücken sogar noch explizit erlauben. Etwas skeptisch willigte sie ein und just am nächsten Tag steckte sie freundlich den Kopf aus dem Fenster und meinte, ich dürfe mir ein paar Blumen für Mama abpflücken. Und das Wunder geschah: Prompt presste ich wütend die Lippen aufeinander und antwortete wie immer in so einem Augenblick voller Trotz: "Das macht doch keinen Spaß. Dann will ich nicht!" Der Nachbarin blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen, aber sie hatte ihre mühsam aufgezogenen Blumen gerettet. Auf der anderen Straßenseite, unserem Haus direkt gegenüber, erhob sich eine hohe mächtige Dünenwand. Und auf der kleinen Anhöhe davor, schaute lustig ein knallroter Hydrant aus dem Sand. Er würde uns Kindern später einmal als abendlicher Treffpunkt dienen und der Ausgangsort für unsere vielen Versteck- und Räuberspiele werden.

Zwischen Millionen von Strandhaferhalmen führte eine Steintreppe nach oben auf die teilweise schon mit Häusern bebaute Düne. Auch hier stromerten wir herum, aber davon später! Von dort hatte man jedenfalls einen wunderschönen Ausblick auf den kleinen Hafen und den Oststrand, der zum Wattenmeer gehörte und bei Ebbe regelmäßig trocken fiel. Nachdem ich nun etwas älter geworden war und meine kleinen „Piratenstreifzüge“ alleine vornehmen durfte, brachten wir Kinder immer im Februar unsere alten Weihnachtsbäume dort herauf. In meinem letzten Schuljahr als Inselkind 1966, sollte ich noch die Grundsteinlegung der neuen Schule auf dem gegenüberliegenden Platz miterleben dürfen. Betreten habe ich die Schule auf der Düne nicht mehr. Mein Vater wurde nämlich nach acht Jahren Inselleben wieder aufs Festland versetzt. Aber nun zurück zu den Weihnachtsbäumen! Am 21. Februar war es soweit. Die lodernden Flammen der Biike leuchteten am Petri Tag hell aufs stürmische und schäumende Meer hinaus. Für mich hatte dieser Tag auch aus anderen Gründen etwas Besonderes an sich, denn ich brauchte nicht wie sonst üblich, pünktlich um sieben Uhr ins Bett. Dass Petrus als Schutzheiliger der Fischer galt und mit der brennenden Biike einstmals die Walfänger verabschiedet wurden, ahnte ich damals natürlich noch nicht. Ich genoss meine Räubertage in vollen Zügen, welche auch durch den Straßenverkehr nicht sonderlich in Mitleidenschaft gezogen wurden. Es gab nämlich zu dieser Zeit auf Sylt noch keinen Nennenswerten. Und der einzige Dorfpolizist besaß, wie auch mein Vater, nur ein Dienstfahrrad. Mein herrliches freies und ungezwungenes Leben wurde dann in meinem vierten Lebensjahr plötzlich vom Tod meiner Oma überschattet und ich vermisste ihre nächtlichen Erzählungen über die Mäusefamilie, deren Vater in einer Mausefalle umgekommen war und Mutter Maus, die nun ganz allein für ihre fünf Mäusekinder sorgen musste, sehr. Mama war immer ziemlich sauer gewesen, weil ich Oma nicht schlafen ließ und stellte uns öfters die räumliche Trennung in Aussicht, sollte ich nicht sofort damit aufhören des Nachts weiter um die Fortsetzung der Geschichten zu betteln. Auch hatte es Oma geschafft, mich dazu zu bewegen, beim Zahnarzt endlich den Mund aufzumachen, was aber nicht zu sehr ihr Verdienst gewesen war, sondern viel mehr auf der freundlichen Behandlung durch den ältlichen Dentisten beruhte. Er ließ mich eine Weile auf dem Behandlungsstuhl rauf und runter fahren und im Gegenzug wollte ich natürlich auch ihm den Spaß nicht verderben. Er durfte sodann dafür gerne die notwendigen Arbeiten in meinem Mund ausführen. Seine Praxis gehörte ebenfalls zu den wenigen Häusern hoch droben auf der Düne und die herrliche Aussicht auf das Wattenmeer, ließ die Patienten ihre Zahnschmerzen sofort vergessen. Es gab für mich auf der Insel so viel zu entdecken und jeder Morgen brachte ein neues Abenteuer mit sich.

Am 4. April 1962 geschah allerdings etwas völlig Unerwartetes, das mein bisheriges unbekümmertes Leben ziemlich verändern sollte. Ich war bereits im Januar mit meiner Mutter in einem merkwürdigen Gebäude zu Besuch gewesen. Es handelte sich um eine alte Kaserne, wie ich später herausfand. Davor lag ein großer, zum Teil asphaltierter Platz und auch rundherum standen noch einige alte ungenutzte Bundeswehrgebäude. Wir betraten dieses Bauwerk und stiegen eine Treppe hinauf. Über mir hing eine alte Schiffsglocke aus hell schimmernder Bronze. An den Wänden konnte man bunte Bilder betrachten, die wohl von Kindern gemalt worden waren. Staunend sah ich meine Mutter an, als ich an ihrer Hand ein Zimmer betrat, in dem ein älterer Mann an seinem Schreibtisch saß. Ich stand plötzlich vor einem zweiten Mann, der einen weißen Kittel trug. Er stellte sich als Schularzt vor und lachte mir freundlich zu. Dann ließ er mich erst einmal einige Kniebeugen machen. Danach sollte ich mit den Augen seinem Finger folgen. Er legte mir eine Metallscheibe auf die Brust, die mit einem Schlauch verbunden war, der am Ende zweigeteilt in seinen Ohren steckte. „Alles in Ordnung“, sagte er lächelnd. Ich durfte mich wieder anziehen. Der Mann am Schreibtisch gab mir einen Würfel in die Hand und sagte, ich solle so viele Streichhölzer vor ihn auf den Tisch legen, wie ich Augen auf dem Würfel erkennen würde. Etwas empört über dieses Kleinkindgehabe schüttelte ich meinen Kopf, meinte: „Fünf“ und er erwiderte meiner Mutter zugewandt: „Eingeschult!“ Überrascht hörte ich meine Mutter: „Gott sei Dank“ sagen. Ich hatte schon sehr früh bemerkt, dass es meine Mama sehr gerne mochte, wenn ich ‚brav‘ war und tat, was von mir verlangt wurde. In diesen Augenblicken konnte ich sie um den Finger wickeln und wieder ein neues Auto oder ein buntes Pixibuch für mich herausschlagen. Mein glorreicher Zahnarztbesuch hatte mir einen sehr schönen gelben Kipplaster mit blauer Ladefläche eingebracht. Doch dieses Mal brauchte ich mich merkwürdigerweise nicht einmal anzustrengen. Wir fuhren schon am nächsten Tag mit der Inselbahn, die hinter unserem Haus immer auf einer besonderen Drehscheibe für die Rückfahrt herumgedreht wurde, nach Westerland. Ich liebte diese Fahrten! Gleich neben dem großen Kaufhaus, in dem meine Eltern ihre Einkäufe tätigten, gab es noch einen etwas kleineren Laden, der aus einer riesigen Fensterfront bestand, die vollgestopft war mit Spielsachen aller Art. Die Ermahnung ‚Lauf nicht weg‘ entbehrte hier jeglicher Logik, denn ich spielte mich in Gedanken durch jedes Teil, während Mutter und Vater ihren Einkäufen nachgingen. Und plötzlich erfüllten sich meine schönsten Träume. Wir betraten das Geschäft, welches so herrlich nach Buntstiften und Büchern roch. Ehe ich mich versah, hatte ich einen kleinen braunen Schulranzen in der Hand und dann drückte mir Papa noch leicht spöttisch lächelnd, eine große bunte Tüte aus festem Pappmaterial unter den Arm. Ich war zwar etwas verwirrt, nahm dann aber freudig meine neuen Schätze entgegen. An besagtem 4. April 1962, also ganze vierzehn Tage vor meinem sechsten Geburtstag, trug ich den Ranzen auf dem Rücken und die große Tüte, die nun mit Süßigkeiten und Buntstiften gefüllt, fast genauso schwer geworden war, wie ich, stolz auf dem Arm. Man hatte die Hörnumer Kirche nicht vollständig im Dorf gelassen. Die kleine rote Holzkapelle stand etwas außerhalb des Ortes, von Heidefeldern umgeben, inmitten einer bizarren Dünenlandschaft Als vierzehnjähriger Junge spielte mein großer Bruder dort vor der Tür Trompete und konnte damit am Sonntagmorgen nahezu alle Einwohner in das gemütliche Gotteshaus locken.

Und ich saß nun mit vielen anderen Kindern, die ich noch nie gesehen hatte, in der ersten Reihe. Die Orgel spielte eine schöne Melodie und unsere Eltern sangen ein Lied dazu. Ein Mann in einem schwarzen Umhang erzählte uns etwas über Jesus, den ich allerdings schon von meinen abendlichen Gebeten mit Mama kannte. Es war ein schöner Morgen und mir war bewusst, dass irgendetwas Besonderes geschehen würde. Nach dem Gottesdienst spazierten wir dann mit den Eltern die Hauptstraße entlang zu dem merkwürdigen Gebäude. Doch dieses Mal wurden wir erst einzeln und dann in der Gruppe an der großen Treppe fotografiert, bevor wir sie hinaufsteigen durften. Oben stand eine Dame, die sich als unsere zukünftige Klassenlehrerin vorstellte. Beim Vorübergehen sah ich aus dem Augenwinkel, wie die bronzene Schiffsglocke hell im Sonnenlicht leuchtete und konnte schauernd eine starke magische Anziehungskraft spüren, welche mir dann in den nächsten Schuljahren auch ziemlich viel Ärger einbringen sollte. Nun war ich also eingeschult worden. Aber es gab da ein kleines Problem. Ich hatte leider als Mädchen das Licht der Welt erblickt, wünschte mir jedoch, seitdem ich denken konnte, nichts Sehnlicheres, als ein Junge sein zu dürfen. Im Alter von drei Jahren bat ich meine Mutter, sie möge in Zukunft „Peter“ zu mir sagen. Ich wäre ab sofort ein kleiner Junge. Sie spielte das „Spiel“ sogar eine ganze Weile mit. Nach einiger Zeit konnte ich auch Hosen für mich durchsetzen und besaß unzählige Plastikautos, Kräne, Bagger und Schiffe. Mein älterer Bruder fuhr schon zur See, so dass ich auch noch ein Spielzeuggewehr und ein Segelflugzeug nebst Werkzeugkasten von ihm „geerbt“ hatte. Nur meine beiden verhassten Zöpfe konnte ich nicht loswerden. Aber auch da hatte der liebe Gott wohl ein Einsehen und nachdem ich ein halbes Jahr in Hamburg im Krankenhaus liegen musste, durfte ich mir zur Entlassung etwas wünschen. Ich überlegte nicht lange und sagte spontan: „Einen Besuch bei Tante Margit!“ So hieß Mutters beste Freundin und gleichzeitig die Dorffriseuse. Stolz spazierte ich mit meinem Bubikopf aus dem Salon, währenddessen meine Mutter schluchzend die langen Zöpfe in der Hand trug. Ich war endlich ein Junge geworden und benahm mich in der Schule natürlich auch entsprechend. Zum allmorgendlichen Ritual gehörte deshalb zunächst einmal eine Prügelei mit meinem Banknachbarn. Wir hatten noch ganz alte Schulbänke mit einem Pult und einer integrierten Sitzbank. Wer innen saß, so wie ich, war auf das Wohlwollen des Sitznachbarn angewiesen, wollte er seinen Platz verlassen. Unser Streit bekam damit täglich, ja fast stündlich neue Nahrung und ein Ende war, solange wir uns besagte Bank teilten, nicht in Sicht. Die Klassenlehrerin fand solches natürlich überhaupt nicht witzig und so verbrachte ich etliche Schulstunden in der Ecke. Neun Klassen umfasste die Volksschule Hörnum/ Sylt. Und es gab dafür nur drei! Lehrer. Da ich später das Gymnasium besuchen konnte, müssen wir trotzdem etwas gelernt haben. (Sollte vielleicht mal in Lehrerkollegien angesprochen werden, wenn es darum geht, eine Klasse bei Erkrankung der Lehrerin komplett nach Hause zu schicken.) Für uns wäre das damals undenkbar gewesen. Und natürlich wurde auch unsere Klassenlehrerin einmal krank. Ich war im ersten Schuljahr und hatte gerade wieder mein „Junge sein" bewiesen, als plötzlich die Tür zum Klassenzimmer aufging. Leider hielt ich sie just in dem Moment von innen zu, so dass der Direktor auf etwas Widerstand stieß und eine Sekunde danach bereits leicht verärgert im Raum stand. Eine weitere Sekunde später spürte ich einen brennenden Schmerz auf meiner linken Wange. Soweit die Erziehung 1962! Der Schulleiter brauchte mir nicht mehr den Weg zu meinem Platz zu weisen. Ich fand ihn mit schuldbewusst gesenktem Kopf auch von selbst. Natürlich erzählte er uns von der Erkrankung unserer Lehrerin. Dann ging es allerdings auch gleich zur Sache. Für das dritte Schuljahr wurden die Arbeitsaufgaben genauso schnell verteilt, wie für das Zweite. Uns sah er freundlich an und meinte, wir sollten ihm ein Bild malen. Die schönsten würden später draußen auf dem Flur aufgehängt werden. Eines wäre allerdings sicher, sollten wir auch nur einen einzigen Ton von uns geben und Krach machen, dann wäre er sofort bei uns. Ansonsten würde er es sich vielleicht überlegen und wir dürften ausnahmsweise! mal eine Stunde früher nach Hause gehen. Es kam natürlich wie es kommen musste! Nicht nur mein Kumpel und ich gerieten wie immer aneinander, auch einige „Kollegen“ fingen eine wüste Prügelei an. Plötzlich hörten wir eine laute Stimme. „Ich bin gleich da und dann Gnade euch Gott!“ Darauf wollten wir es selbstverständlich nicht ankommen lassen und von dieser Minute an war Ruhe in der Klasse. Gelernt habe ich dadurch Selbstdisziplin und eigenverantwortliches Arbeiten, welches mir im späteren Leben sehr zugute kam. Natürlich erzählte ich auch zu Hause meiner Mutter nichts von der Ohrfeige, die ich vom Schulleiter erhalten hatte. Ich hätte ihr ja wahrheitsgemäß erklären müssen, dass ich ihm die Tür vor der Nase zugehalten habe. Meine Mutter war Linkshänderin und hätte mir wegen dieser Frechheit mit Sicherheit sofort noch eine geknallt, aber diesmal natürlich auf die andere Seite. Also schämte ich mich und schwieg. Ich habe nie wieder jemand die Tür vor der Nase zu gehalten! Die Bewertung dieser Erziehungsmaßnahmen überlasse ich gern dem Leser.

Unsere Schulglocke, die nur die Erwachsenen bedienen durften, leuchtete tagtäglich hellglänzend in der Sonne. Pünktlich zu Beginn und natürlich auch zu Ende des Unterrichts wurde dieses wundervolle Kleinod vom Hausmeister oder meist auch einem Lehrer betätigt. Für uns Kinder hing sie unerreichbar hoch. Allerdings hinderte dieser Umstand uns "Jungen" nicht daran, immer wieder empor zu springen, um sie doch irgendwann einmal berühren zu können und ihr einen Ton zu entlocken. Das war sozusagen unser Nationalsport! Mit heller Begeisterung nahm ich daran teil, was mir später, als tägliche Trainingseinheit betrachtet, vielleicht auch zu meiner relativ guten Hochsprungnote im Sportunterricht verhalf. Eines Tages war es wieder soweit. Vollkonzentriert schnellten meine kleinen strammen Beine in die Höhe und das Wunder geschah. Ich berührte die Schiffsglocke und wurde mit einem für meine Ohren wundervollen hellen Klang belohnt. Mein Blick fiel auf die Kameraden, welche in respektvoller Entfernung dem Treiben vor ihren Augen zu schauten und triumphierend nahm ich ihre Anerkennung entgegen. Dann sah ich zur Seite und oben auf der Treppe stand: Die Klassenlehrerin. Sie fackelte nicht lange. Strafarbeit: 'Hundert mal schreiben: Ich darf nicht bimmeln!' Ich fühlte mich entsetzlich. Es ging mir dabei gar nicht um die Schreiberei, denn die schaffte ich mit links. Das Problem war meine Mutter. Wie es sich gehörte, machte ich am Nachmittag in ihrem Beisein die Hausaufgaben und obwohl sie mir nicht zu helfen brauchte, warf sie doch immer wieder mal einen Blick auf mein Heft. Sie hätte eine Strafarbeit solchen Ausmaßes sicher sofort entdeckt. War mir das peinlich! Trotzdem ich ja als Junge lebte, schien hier wohl leider die weibliche Sozialisation durchzublicken. Ich löste mein vermeintliches Problem, in dem ich auf einem anderen Weg nach Hause ging, mich in die nächst beste Sandmulde setzte und mitten in den Dünen schnell meine Strafarbeit schrieb. Konzentriert sah ich auf mein Heft und bemerkte dabei natürlich den großen „grünen“ Mann, der plötzlich hinter mir stand, nicht. „Na, was machst du denn da?“, fragte mich eine tiefe Stimme und ich zuckte zusammen. Dann erblickten meine angstvoll geweiteten Augen ein Ungetüm in schwarzen Stiefeln, einem grünen weiten Umhang und einer ebenso grünen Mütze auf dem Kopf. Der "Riese" war kein anderer als mein Vater. Als Zollbeamter trug er im Dienst eben einen grünen Umhang, schwarze Stiefel und was sonst noch zu einer Uniform gehörte. Gottseidank war ich fast fertig gewesen und stand schnell auf, damit er meine Strafarbeit nicht mehr lesen konnte. Zusammen spazierten wir nach Hause. Auch das „bimmeln“ probierte ich nach diesem Erlebnis nie wieder. Die 60erJahre hatten es in sich.

Nicht nur, dass ich nun also am 04. April 1962, vierzehn Tage vor meinem sechsten Geburtstag, mit einer voll beladenen bunten Schultüte im Arm und einem braunen Schulranzen auf dem Rücken mit dem Ernst des Lebens konfrontiert worden war. Im Februar desselben Jahres brachen infolge einer schweren Sturmflut an der Nordseeküste viele Deiche. Vor Allem in Hamburg starben in einer einzigen Nacht Hunderte von Menschen. Umso schöner wurde es dann ein Jahr später, im Februar 1963. Eine besondere Wetterlage hatte das Unmögliche möglich gemacht. Die Nordsee war zugefroren! Ich lebte als Erstklässler mit meinen Eltern in Hörnum auf der Nordseeinsel Sylt. Mein Vater war Zollbeamter von Beruf und so kamen wir nach seiner Versetzung bereits 1958 aus meiner Geburtsstadt Lübeck dorthin. Sylt war und ist bis heute eine Insel im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer und normalerweise nur, wenn man nicht per Sportflugzeug oder Ausflugsdampfer anreist, über den Hindenburgdamm mit dem Autoreisezug erreichbar. (Von der dänischen Insel Röm kam man auch mit der Fähre nach List übersetzen.) In Niebüll wurden und werden die Autos verladen und in Westerland, der Hauptstadt, fährt man wieder von der Rampe herunter. Die Bahn macht jedes Jahr das Geschäft ihres Lebens mit den Sommergästen und weigert sich verständlicherweise vehement, dem Bau einer Autostraße zuzustimmen. Im Februar 1963 geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte und das in die Geschichte einging. Der Wasserstand im Wattenmeer war extrem niedrig gewesen und ein osteuropäisches Hoch bescherte uns fast neun Wochen lang Dauerfrost. Auf der ruhigen See hatte sich eine ca. 1,50 m dicke Eisschicht gebildet, welche überall fest auf dem Wattenboden auflag. Kurzerhand riefen die Sylter die sogenannte Eis-Avus ins Leben. Nördlich des Hindenburgdamms suchten sich die Autofahrer eine Schneise bis ans Meer und fuhren über dieses zum Festland hinüber. Ich tobte wie alle anderen Kinder aus dem Dorf nach der Schule im Schnee und sauste mit meinem Schlitten die Dünen hinunter. Eines Tages hörte ich, wie meine Eltern von der neuen Straße durchs Watt sprachen. Am Wochenende wollten wir sie ausprobieren. Wir waren inzwischen stolze Besitzer eines hellgrünen VW Käfers und nachdem sich meine Eltern genau über die An-und Abfahrtwege sowie natürlich die Gefahren erkundigt hatten, fuhren wir los. Die Eis-Avus war tatsächlich von der Straßenbehörde für den Autoverkehr freigegeben worden. Mit großen Augen sah ich aus dem Autofenster als mein Vater meinte: „So, nun ist es soweit. Wir sind auf dem Wasser.“ Meine Mutter schaute ihn etwas ängstlich an. So ganz geheuer war ihr das Ganze wohl doch nicht. Aber sie freute sich auf den Einkaufsnachmittag in Bredstedt. Unterwegs begegnete uns ein Reisezug. Er fuhr auf seinen Schienen rechts neben uns und mein Vater lachte. Ich feuerte ihn an. Er solle den Zug überholen. Einen Augenblick lang tat er mir den Gefallen und trat etwas aufs Gaspedal, doch dann schüttelte er den Kopf. Auch wenn das Eis hielt und immer wieder große Lastwagen an uns vorbeifuhren, wollte er doch nicht allzu viel riskieren. Es wurde ein schöner Nachmittag. In Bredstedt kaufte meine Mutter begeistert ein und hinterher tranken wir noch Kakao in einem kleinen Gasthaus. Dann machten wir uns auf den Heimweg. Unterwegs geschah allerdings ein mittelprächtiges Unglück. Ich hatte wohl zu viel heiße Schokolade getrunken und mitten auf dem Eis drang meine klägliche Stimme zu meiner Mutter nach vorne. „Mama, ich muss mal!“ Ich hörte Vaters entsetzte Stimme und bekam schon Angst, dass er auf der Eisstraße nicht stoppen wolle: „Nein, das auch noch!“ Dann hielt er aber doch an. Es war gottlob schon etwas dunkel geworden. Mir war die Situation nämlich sehr peinlich, denn es gab weder Baum noch Strauch, hinter denen ich mich hätte verstecken können. Zu Hause lachten meine Eltern noch lange über den denkwürdigen Tag. Sie waren nicht nur über die zugefrorene Nordsee gefahren, sondern hatten dank mir dort auch noch, mitten auf dem Wasser, anhalten müssen. Ich fand die Fahrt trotzdem großartig und wäre am liebsten gleich wieder los gefahren. Doch daraus wurde nichts mehr, denn das Tauwetter hatte eingesetzt.